Dossier 11
Geburtenrate und demografische Entwicklung
Stand: 23. August 2026
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# Dossier 11 – Geburtenrate und demografische Entwicklung **Stand: 23. August 2026** ## 1. Kernaussage Deutschland befindet sich nicht nur in einer Phase niedriger Geburten, sondern gleichzeitig in einem kurzfristig kaum noch veränderbaren Alterungsschub: - 2025 wurden endgültig **654.241 Kinder** geboren – so wenige wie seit 1946 nicht mehr. - Die zusammengefasste Geburtenziffer sank auf **1,32 Kinder je Frau**. - Es starben rund **352.000 Menschen mehr, als geboren wurden** – das größte Geburtendefizit der Nachkriegszeit. - Die Nettozuwanderung von 235.000 Personen reichte 2025 erstmals seit 2020 nicht mehr aus, das Geburtendefizit auszugleichen. - Bis 2038 steigt der Altenquotient von 33 auf voraussichtlich 43 bis 47 Personen ab 67 Jahren je 100 Personen zwischen 20 und 66 Jahren. - Die Zahl der Menschen im Erwerbsalter wird bis 2035 selbst bei hoher Zuwanderung sinken. Die niedrige Geburtenrate bedeutet nicht, dass sich junge Menschen generell keine Kinder wünschen. FReDA-Daten zeigen zwischen 2021 und 2024 weitgehend stabile durchschnittliche Kinderwünsche von etwa 1,7 bis 1,8 Kindern. Zurückgegangen ist vor allem die Absicht der 30- bis 39-Jährigen, innerhalb der nächsten drei Jahre tatsächlich ein Kind zu bekommen. Krisen, unsichere Partnerschaften, Wohnen, berufliche Stabilität, Betreuung und die ungleiche Verteilung der Elternschaftskosten tragen zur Aufschiebung bei. [BiB, stabile Kinderwünsche](https://www.bib.bund.de/Publikation/2025/pdf/BiB-Aktuell-6-2025.pdf?__blob=publicationFile&v=3) Mehr Geburten sind deshalb ein langfristiger Teil der Antwort, können aber die Finanzierungs- und Arbeitskräfteprobleme der 2020er- und 2030er-Jahre nicht lösen: Ein heute geborenes Kind tritt erst in ungefähr zwei Jahrzehnten in den Arbeitsmarkt ein. Kurz- und mittelfristig bleiben höhere Erwerbsbeteiligung, Produktivität, qualifizierte Zuwanderung, längere gesunde Erwerbsbiografien und Reformen der Sozialversicherungen unverzichtbar. --- ## 2. Definition und Abgrenzung | Begriff | Bedeutung | |---|---| | Geburtenzahl | Tatsächlich in einem Kalenderjahr geborene Kinder | | Zusammengefasste Geburtenziffer | Hypothetische Kinderzahl einer Frau, wenn die altersspezifischen Geburtenraten eines Kalenderjahres dauerhaft gelten würden | | Endgültige Kinderzahl | Tatsächlich realisierte durchschnittliche Kinderzahl eines Frauenjahrgangs am Ende der fertilen Lebensphase | | Bestandserhaltungsniveau | Unter heutigen Sterblichkeitsbedingungen ungefähr 2,1 Kinder je Frau; ohne Wanderungen langfristig nötig, um die Generationengröße zu stabilisieren | | Geburtendefizit | Differenz, wenn mehr Menschen sterben als geboren werden | | Nettozuwanderung | Zuzüge abzüglich Fortzüge; keine Aussage über Qualifikation, Alter oder Erwerbsbeteiligung | | Erwerbsalter | In der Bevölkerungsvorausberechnung meist 20 bis 66 Jahre; nicht identisch mit der Zahl tatsächlicher Erwerbstätiger oder Beitragszahler | | Altenquotient | Personen ab 67 Jahren je 100 Personen zwischen 20 und 66 Jahren | | Gesamtquotient | Unter-20-Jährige und Personen ab 67 Jahren je 100 Personen zwischen 20 und 66 Jahren | | Kinderwunsch | Befragungsabhängige ideale oder realistisch erwartete Kinderzahl; keine sichere Vorhersage tatsächlicher Geburten | | Demografische Projektion | Wenn-dann-Rechnung unter Annahmen zu Fertilität, Lebenserwartung und Migration, keine exakte Prognose | Die Geburtenziffer von 1,32 ist nicht gleich der endgültigen Kinderzahl eines realen Frauenjahrgangs. Frauen des Jahrgangs 1976 brachten im Laufe ihres Lebens durchschnittlich **1,58 Kinder** zur Welt. Kalenderziffern reagieren zusätzlich auf das Vorziehen oder Aufschieben von Geburten. [Destatis, Geburtenziffer 2025](https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/07/PD26_230_12.html?nn=2110) --- ## 3. Konkrete Teilprobleme 1. **Vierjähriger Geburtenrückgang:** Die Geburtenzahl sank 2025 um weitere 3,4 Prozent und damit zum vierten Mal nacheinander. 2. **Sinkende Geburtenhäufigkeit:** Die zusammengefasste Geburtenziffer fiel von 1,58 im Jahr 2021 über 1,46 im Jahr 2022 auf 1,35 in den Jahren 2023/24 und 1,32 im Jahr 2025. 3. **Rückgang bei deutschen und ausländischen Frauen:** 2025 lag die Geburtenziffer deutscher Frauen bei 1,20, die ausländischer Frauen bei 1,78. Beide Werte sanken gegenüber dem Vorjahr. 4. **Rekord-Geburtendefizit:** 654.241 Geburten standen etwa 1,006 Millionen Sterbefällen gegenüber. 5. **Demografisches Echo:** Die kleinen Geburtsjahrgänge der 1990er-Jahre erreichen das wichtigste Alter für Familiengründung. Selbst bei unveränderter individueller Kinderzahl gäbe es deshalb weniger Geburten. 6. **Nicht realisierte Kinderwünsche:** Junge Erwachsene wünschen sich im Durchschnitt mehr Kinder, als die aktuelle Geburtenziffer erwarten lässt. 7. **Aufschieben von Geburten:** Die durchschnittliche Mutter war beim ersten Kind 2025 bereits 30,5 Jahre, der Vater 33,3 Jahre alt. Wiederholter Aufschub verkleinert das Zeitfenster für zweite und dritte Kinder. 8. **Fehlende stabile Partnerschaft:** In Befragungen wird das Fehlen eines passenden Partners häufiger als unmittelbares Hindernis genannt als einzelne staatliche Leistungen. 9. **Wohnraummangel:** Große, bezahlbare Wohnungen fehlen besonders in wirtschaftsstarken Städten. Der Schritt vom Paar- zum Familienhaushalt erhöht den Wohnflächen- und Finanzierungsbedarf. 10. **Ungedeckter Betreuungsbedarf:** 2025 nutzten 37,8 Prozent der Unter-Dreijährigen Betreuung, während 49,3 Prozent der Eltern Bedarf äußerten – eine Lücke von 11,5 Prozentpunkten. [Bundesfamilienministerium, Betreuung 2025](https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/themen/familie/kita-bedarf-bleibt-trotz-sinkender-geburtenzahlen-hoch-289734) 11. **Unzuverlässige oder zeitlich unpassende Betreuung:** Ein vorhandener Platz gewährleistet nicht automatisch Randzeiten, Ferienbetreuung, Vertretung bei Personalausfall oder einen arbeitszeitkompatiblen Umfang. 12. **Ungleich verteilte Erwerbskosten:** 2025 arbeiteten 66,4 Prozent der erwerbstätigen Mütter mit minderjährigen Kindern in Teilzeit, aber nur 8,6 Prozent der Väter. [Destatis, Arbeitszeit der Eltern](https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/05/PD26_N035_13.html) 13. **Steuerliche Zweitverdiener-Hemmnisse:** Ehegattenbesteuerung, Sozialabgaben und Betreuungskosten können die Ausweitung der Erwerbsarbeit des geringer verdienenden Partners unattraktiv machen. 14. **Hohe, aber schlecht vergleichbare Familienausgaben:** Kindergeld, Kinderfreibetrag, Elterngeld, Betreuung, Kinderzuschlag, Wohngeld und familienbezogene Sozialleistungen verfolgen unterschiedliche Ziele und werden nicht regelmäßig gemeinsam auf Wirkung geprüft. 15. **Babyboomer-Ruhestand:** Bis 2038 steigt die Zahl der Menschen ab 67 Jahren um mindestens 3,8 Millionen. 16. **Schrumpfendes Erwerbspersonenpotenzial:** Ohne Nettozuwanderung würde die Bevölkerung zwischen 20 und 66 Jahren allein bis 2035 um ungefähr 6,2 Millionen sinken. 17. **Steigende Pflegebedarfe:** Die Zahl der mindestens 80-Jährigen steigt voraussichtlich von 6,1 Millionen 2024 auf 8,5 bis 9,8 Millionen 2050. 18. **Belastung der Sozialversicherungen:** Weniger Erwerbspersonen müssen mehr Renten-, Gesundheits- und Pflegeleistungen finanzieren. 19. **Altersarmut:** 2025 waren 19,5 Prozent der Menschen ab 65 Jahren relativ armutsgefährdet; bei Frauen dieser Altersgruppe waren es 21,3 Prozent. 20. **Regionale Entleerung:** Teile Ostdeutschlands und einige westdeutsche Regionen verlieren gleichzeitig junge Menschen, Erwerbspersonen und Infrastrukturtragfähigkeit. 21. **Abhängigkeit von Zuwanderung:** Migration kann Schrumpfung begrenzen, aber den bereits festgelegten Alterungsschub bis Ende der 2030er-Jahre nicht verhindern. 22. **Demografische Fehlplanung:** Parallel bestehen fehlende U3-Plätze, künftig frei werdende Ü3-Kapazitäten, steigender Ganztagsbedarf und später stark wachsender Pflegebedarf. --- ## 4. Zentrale Kennzahlen | Kennzahl | Wert | Zeitraum | |---|---:|---| | Lebendgeborene | 654.241 | 2025 | | Veränderung der Geburtenzahl | −3,4 % | 2025 gegenüber 2024 | | Geburten Januar–April | rund 204.400; −2,5 % | 2026 gegenüber Vorjahreszeitraum | | Zusammengefasste Geburtenziffer | 1,32 | 2025 | | Geburtenziffer deutscher Frauen | 1,20 | 2025 | | Geburtenziffer ausländischer Frauen | 1,78 | 2025 | | Endgültige Kinderzahl des Frauenjahrgangs 1976 | 1,58 | bis 2025 | | Alter der Mutter beim ersten Kind | 30,5 Jahre | 2025 | | Alter des Vaters beim ersten Kind | 33,3 Jahre | 2025 | | Geburtendefizit | rund 352.000 | 2025 | | Nettozuwanderung | 235.000 | 2025 | | Bevölkerung | 83,467 Mio. | Jahresende 2025 | | Veränderung der Bevölkerung | −110.000 | 2025 | | Unter 20-Jährige | 15,498 Mio. | Jahresende 2025 | | 20- bis 59-Jährige | 42,098 Mio. | Jahresende 2025 | | 60- bis 79-Jährige | 19,967 Mio. | Jahresende 2025 | | Ab 80-Jährige | rund 5,90 Mio. | Jahresende 2025 | | Menschen im Erwerbsalter 20–66 | 51,2 Mio. | 2024 | | Altenquotient | 33 je 100 Erwerbsfähige | 2024 | | Voraussichtlicher Altenquotient | 43–47 | 2038 | | Gesamtquotient | 63 | 2024 | | Voraussichtlicher Gesamtquotient | 75 | 2038 | | Unter-Dreijährige in Betreuung | 801.281 beziehungsweise 37,8 % | März 2025 | | Elterlicher U3-Betreuungsbedarf | 49,3 % | 2025 | | Erwerbstätige Mütter mit minderjährigen Kindern in Teilzeit | 66,4 % | 2025 | | Erwerbstätige Väter mit minderjährigen Kindern in Teilzeit | 8,6 % | 2025 | | Armutsgefährdung ab 65 Jahren | 19,5 % | EU-SILC 2025 | | Menschen mit Grundsicherung im Alter | rund 764.000 | Dezember 2025 | Quellen: [Destatis, Bevölkerung 2025](https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/06/PD26_203_124.html), [Destatis, Altersgruppen](https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Bevoelkerungsstand/Tabellen/liste-altersgruppen-basis-2022.html), [Destatis, monatliche Geburten](https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Geburten/geburten-aktuell.html). --- ## 5. Historische Entwicklung - **1964:** Höhepunkt des Babybooms mit rund 1,36 Millionen Geburten. - **1970er-Jahre:** starker Geburtenrückgang; das Bestandserhaltungsniveau wurde dauerhaft unterschritten. - **1990 bis 1994:** Transformationsschock in Ostdeutschland; dort fiel die Geburtenziffer von 1,53 auf 0,78. - **1990 bis 1995:** gesamtdeutsche Geburtenzahl sank von rund 906.000 auf 765.000. - **2011 bis 2016:** Anstieg der Geburtenziffer von 1,39 auf 1,60. Dazu trugen verbesserte Familienbedingungen, höhere Geburten in älteren Altersgruppen und Zuwanderung junger Menschen bei. - **Ab 2017:** zunächst Rückgang der ersten Geburten. - **Ab 2022:** Rückgang bei ersten, zweiten und weiteren Kindern. - **2025:** 654.241 Geburten und Geburtenziffer 1,32. - **Anfang 2026:** Der Rückgang setzte sich fort, verlangsamte sich aber im Vergleich zum Vorjahr. Die endgültige Kinderzahl der Frauenjahrgänge entwickelte sich weniger dramatisch als die jährliche Geburtenziffer: Sie fiel bis zum Jahrgang 1968 auf 1,49 und stieg für den Jahrgang 1976 wieder auf 1,58. Ob die jüngeren Jahrgänge aufholen, ist wegen des seit 2022 anhaltenden Rückgangs offen. [Destatis, endgültige Kinderzahl](https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Geburten/Tabellen/endgueltige-kinderzahl.html) --- ## 6. Regionale Unterschiede Die Geburtenziffer reichte 2025 von **1,16 in Sachsen** bis **1,38 in Niedersachsen**. In den ostdeutschen Flächenländern lag sie bei 1,22, in Westdeutschland bei 1,34. 2025 sank die Geburtenzahl im Osten um 4,5 Prozent, im Westen um 3,2 Prozent. Gleichzeitig nahm die Gesamtbevölkerung in Thüringen um 1,0 Prozent, in Sachsen-Anhalt um 0,7 Prozent und im Saarland um 0,5 Prozent ab. Die regionalen Betreuungsunterschiede verlaufen teilweise gegenläufig: - U3-Betreuungsquote Ost einschließlich Berlin: 54,9 Prozent. - U3-Betreuungsquote West: 34,5 Prozent. - Dennoch kann auch im Osten zeitlich passende oder verlässliche Betreuung fehlen. - In Teilen Ostdeutschlands sinkt die Zahl der Kinder so schnell, dass Einrichtungen geschlossen oder zusammengelegt werden, während im Westen weiterhin Plätze fehlen. Für die ostdeutschen Flächenländer projiziert Destatis bis 2070 einen Rückgang der 20- bis 66-Jährigen von 7,2 Millionen auf 4,5 bis 6,0 Millionen. Der Altenquotient könnte dort zeitweise auf 52 bis 68 steigen. [16. Bevölkerungsvorausberechnung](https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Bevoelkerungsvorausberechnung/annahmen_ergebnisse_16te_kBv.html) Regionale Entleerung bedeutet nicht zwangsläufig einen Rückgang sämtlicher Kosten. Schulen, Straßen, Wasserleitungen, Krankenhäuser und Verwaltungen besitzen hohe Fixkosten, die dann auf weniger Einwohner verteilt werden. --- ## 7. Internationaler Vergleich 2024 lag die Geburtenziffer der EU bei 1,34 und damit auf dem niedrigsten Stand seit Beginn der EU-Zeitreihe 2001. Deutschland lag 2024 mit 1,35 nahezu genau im EU-Mittel. | Staat/Region | Geburtenziffer 2024 | |---|---:| | Bulgarien | 1,72 | | Frankreich | 1,61 | | Slowenien | 1,52 | | Deutschland | 1,35 | | EU | 1,34 | | Spanien | 1,10 | | Malta | 1,01 | [Eurostat, Fertilität 2024](https://ec.europa.eu/eurostat/web/products-eurostat-news/w/ddn-20260306-1) Kein EU-Staat erreichte das Bestandserhaltungsniveau. Auch Frankreich und nordische Staaten mit vergleichsweise ausgebauter Betreuung und Elternzeit verzeichnen Rückgänge. Das widerlegt die Erwartung, ein einzelnes familienpolitisches Modell könne dauerhaft eine Geburtenziffer von 2,1 garantieren. Gleichwohl zeigen OECD-Vergleiche Zusammenhänge zwischen höherer weiblicher Erwerbsintegration, verlässlicher Betreuung, familienkompatiblen Arbeitsbedingungen und vergleichsweise höherer Fertilität. Reine Geldleistungen oder steuerliche Eheförderung zeigen geringere beziehungsweise uneinheitlichere Wirkungen. [OECD, Fertilität und Familienpolitik](https://www.oecd.org/en/publications/fertility-employment-and-family-policy_326844f0-en.html) **Einordnung internationaler Modelle:** - **Frankreich:** relativ gute Betreuung und breite Familienleistungen; weiterhin hohe EU-Position, aber keine Immunität gegen den allgemeinen Geburtenrückgang. - **Nordische Staaten:** starke Erwerbsintegration und Elternzeit; gute Vereinbarkeit, zuletzt dennoch deutlich sinkende Geburten. - **Südeuropa:** sehr spätes Ausziehen, unsichere Jugendbeschäftigung, teures Wohnen und Betreuungsdefizite gehen mit besonders niedriger Fertilität einher. - **Steuer- und Kreditprogramme etwa in Ungarn:** zeitweise Anstieg, danach erneuter Rückgang; ein dauerhafter kausaler Erfolg ist nicht belegt. --- ## 8. Ursachenanalyse ### Demografisch gesichert - kleinere Generationen potenzieller Eltern, - zunehmendes Alter bei Familiengründung, - geringere Fertilität deutscher und ausländischer Frauen, - ungünstiger Altersaufbau durch Babyboom und anschließenden Geburtenrückgang. ### Empirisch gut gestützte Einflussfaktoren - unsichere Partnerschaft oder fehlender Partner, - unsichere berufliche und finanzielle Perspektive, - Wohnkosten und fehlende familiengeeignete Wohnungen, - Betreuungslücken, - ungleiche Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit, - hohe Karriere- und Einkommenskosten vor allem für Mütter, - spätes Ende von Ausbildung und Berufseinstieg, - begrenzte biologische Zeit für die Realisierung mehrerer Kinder. Im Familienreport 2024 nannten 86 Prozent den Kinderwunsch beider Partner, 72 Prozent die persönliche Reife und 62 Prozent die Sicherheit, den richtigen Partner gefunden zu haben, als unverzichtbare Voraussetzungen. Eine gute finanzielle Lage nannten 61 Prozent, gesicherte Betreuung 49 Prozent. [Familienreport 2024, S. 47–53](https://www.bmfsfj.de/resource/blob/239468/a09d21ecd295be59a9aced5b10d7c5b7/familienreport-2024-data.pdf) ### Plausibel, aber nicht kausal abschließend bewiesen Der parallele Rückgang in mehreren europäischen Ländern legt nahe, dass Pandemie, Ukrainekrieg, Inflation, Wohnungsmarkt, Klimasorgen und allgemeine Zukunftsunsicherheit Geburten aufgeschoben haben. Dass die Kinderwünsche weitgehend stabil blieben, stützt diese Interpretation. Wie viele Geburten später nachgeholt werden, ist offen. ### Nicht belastbar als alleinige Erklärung - eine einzelne Steuer, - politische Unzufriedenheit, - digitale Medien, - Umweltbelastungen, - angeblich generell fehlender Familiensinn, - oder die Höhe einer einzelnen Familienleistung. --- ## 9. Staatliche und gesellschaftliche Verantwortlichkeiten | Akteur | Verantwortung | |---|---| | Bund | Familienleistungen, Elterngeld, Steuerrecht, Sozialversicherungen, Arbeitsrecht, Migration und Wohnungsrahmen | | Länder | Kita-Recht, Personalstandards, Bildung, Hochschulen, Landesplanung und Teile des Wohnungsbaus | | Kommunen | Betreuung, Wohnbauland, Jugendhilfe, Nahverkehr, Pflege- und Daseinsvorsorge | | Sozialversicherungen | generationengerechte Finanzierung und Prävention | | Arbeitgeber | flexible Arbeitszeiten, Karrierechancen für Eltern, Ausbildung, Pflege- und Familienfreundlichkeit | | Wohnungswirtschaft | familiengeeigneter Neubau und Bestandsanpassung | | Tarifparteien | Arbeitszeitmodelle, Entgelt und Weiterentwicklung von Elternrechten | | Paare und Familien | private Entscheidung über Kinder und Aufteilung der Sorgearbeit | | Gesellschaft | Akzeptanz unterschiedlicher Familienformen und Schutz freiwilliger Kinderlosigkeit | Der Staat kann Hindernisse reduzieren, aber weder Kinderwünsche erzeugen noch Menschen zur Elternschaft verpflichten. Reproduktive Entscheidungen bleiben privat und grundrechtlich geschützt. --- ## 10. Politische Entscheidungen und Wendepunkte - **2007:** Einführung des einkommensabhängigen Elterngelds. - **2013:** Rechtsanspruch auf Betreuung ab dem vollendeten ersten Lebensjahr. - **2015:** ElterngeldPlus und Partnerschaftsbonus. - **2018 ff.:** Gute-Kita- beziehungsweise Kita-Qualitätsgesetze. - **2021:** Gesetzlicher Anspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder, stufenweise ab dem Schuljahr 2026/27. - **2024/25:** Absenkung der Einkommensgrenze für Elterngeld und Beschränkung des gleichzeitigen Bezugs. - **2025/26:** jährlich rund zwei Milliarden Euro Bundesmittel für Kita-Qualität. - **2026:** Kindergeld 259 Euro monatlich, Kinderfreibetrag einschließlich Betreuung/Erziehung/Ausbildung 9.756 Euro. - **Rentenpolitik:** schrittweise Anhebung der Regelaltersgrenze auf 67, gleichzeitig Fortbestand verschiedener Möglichkeiten früherer Altersrenten. - **Migration:** erleichterte Fachkräftezuwanderung als Teil der kurzfristigen demografischen Stabilisierung. Die Gesamtevaluation der Familienleistungen kam zu dem Ergebnis, dass Betreuung, Elterngeld und verlässliche Absicherung Kinderwünsche eher unterstützen. Ehegattensplitting und beitragsfreie Mitversicherung hatten dagegen keine oder nur geringe nachweisbare Geburtenwirkung. Die Evaluation stammt allerdings aus 2014 und müsste mit aktuellen Daten wiederholt werden. [BMFSFJ-Gesamtevaluation](https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/publikationen/gesamtevaluation-der-ehe-und-familienbezogenen-massnahmen-und-leistungen-in-deutschland-96084) --- ## 11. Direkte Kosten ### Öffentliche Familien- und Betreuungsleistungen | Position | Betrag | Grobe Relation | |---|---:|---:| | Kindergeld | 55,32 Mrd. € 2025 | rund 663 € je Einwohner; 1,24 % des BIP | | Kinderzuschlag | 3,28 Mrd. € 2025 | rund 39 € je Einwohner | | Elterngeld | 7,17 Mrd. € 2024 | rund 86 € je Einwohner | | Kindertagesbetreuung, netto | 49,9 Mrd. € 2024 | rund 598 € je Einwohner; etwa 1,2 % des BIP | | Kinder- und Jugendhilfe insgesamt, netto | 74,3 Mrd. € 2024 | rund 890 € je Einwohner | | Kita-Qualitätsmittel des Bundes | rund 2 Mrd. € jährlich | 2025 und 2026 | Die Positionen sind **nicht addierbar**: Kindertagesbetreuung ist Teil der Kinder- und Jugendhilfe. Kindergeld dient zugleich der verfassungsrechtlichen Freistellung des Kinderexistenzminimums und ist nicht ausschließlich eine geburtenfördernde Ausgabe. Quellen: [Famili … (Ansicht gekürzt; der gespeicherte Text ist vollständig)