Dossier EF
Muskel-Skelett-Erkrankungen, körperliche Fehlbelastungen und Ergonomiedefizite
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## Dossier EF – Muskel-Skelett-Erkrankungen, körperliche Fehlbelastungen und Ergonomiedefizite ### 1. Kernbefund Muskel-Skelett-Erkrankungen sind trotz rückläufiger körperlicher Anforderungen weiterhin die Diagnosegruppe mit den meisten Arbeitsunfähigkeitstagen in Deutschland. Für 2024 schätzt die BAuA: - 171,3 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage, - 19,4 Prozent aller AU-Tage, - 26,1 Milliarden Euro Produktionsausfall, - 44,2 Milliarden Euro entgangene Bruttowertschöpfung. Gleichzeitig verursachten Muskel-Skelett-Erkrankungen 2023 im gesamten Gesundheitswesen 49,9 Milliarden Euro Krankheitskosten. Diese Größen sind nicht addierbar und nicht vollständig arbeitsbedingt: Sie umfassen Erkrankungen aus Arbeit, Alter, Veranlagung, Lebensstil, früheren Belastungen und anderen Ursachen. Das eigentliche arbeitsmarktpolitische Problem liegt deshalb nicht darin, sämtliche Rücken-, Gelenk- oder Muskelerkrankungen Arbeitgebern zuzurechnen. Es liegt in dem erheblichen vermeidbaren oder beeinflussbaren Anteil durch Lastenhandhabung, Zwangshaltungen, repetitive Tätigkeiten, Vibrationen, Dauersitzen, Dauerstehen, Zeitdruck und unzureichende Erholungsmöglichkeiten. --- ### 2. Definition und Abgrenzung Muskel-Skelett-Erkrankungen umfassen unter anderem: - Rückenschmerzen und bandscheibenbedingte Erkrankungen, - Arthrosen von Knie, Hüfte und anderen Gelenken, - Schulter- und Rotatorenmanschettenschäden, - Sehnen-, Sehnenscheiden- und Schleimbeutelerkrankungen, - Carpaltunnelsyndrom, - Muskelverspannungen und Funktionsstörungen, - Beschwerden durch Vibrationen, Kraftausübung oder repetitive Bewegungen. Zu trennen sind: 1. subjektive Beschwerden, 2. ärztlich diagnostizierte Erkrankungen, 3. Arbeitsunfähigkeit mit entsprechender Diagnose, 4. Erwerbsminderung oder Rehabilitation, 5. arbeitsassoziierte beziehungsweise durch Arbeit verschlimmerte Beschwerden, 6. rechtlich anerkannte Berufskrankheiten. Eine häufige Rückenschmerzdiagnose ist nicht automatisch arbeitsbedingt. Umgekehrt können berufliche Belastungen Beschwerden wesentlich verstärken, ohne dass die engen Voraussetzungen einer Berufskrankheit erfüllt sind. --- ### 3. Zentrale Teilprobleme 1. Muskel-Skelett-Diagnosen verursachen die größte Zahl an AU-Tagen. 2. Schwere körperliche Belastungen bestehen trotz Mechanisierung in vielen Tätigkeiten fort. 3. 17 Prozent der abhängig Beschäftigten heben oder tragen 2024 häufig schwere Lasten. 4. Mehr als die Hälfte dieser Gruppe empfindet die Belastung als belastend. 5. 46 Prozent arbeiten häufig im Stehen. 6. 30 Prozent führen häufig Handarbeit mit Geschicklichkeit, schnellen Bewegungen oder größerer Kraft aus. 7. Repetitive Arbeitsabläufe erzeugen lokale Überlastungen von Hand, Arm und Schulter. 8. Zwangshaltungen sind schwer zu beurteilen; verbindliche allgemeine Expositionsgrenzwerte fehlen. 9. Bau, Transport, Metallerzeugung, Lebensmittelproduktion und Holzverarbeitung weisen hohe MSE-Ausfallwerte auf. 10. Auch Pflege, Betreuung und Erziehung enthalten erhebliche körperliche Belastungen. 11. Dauerhaftes Sitzen und Bewegungsmangel bilden einen anderen, zunehmend wichtigen Belastungstyp. 12. Arbeitsintensität und Zeitdruck können körperliche Überbeanspruchung und Schmerzchronifizierung verstärken. 13. Mit steigendem Alter nehmen Diagnosetage und Dauer der Arbeitsunfähigkeit deutlich zu. 14. Beschäftigte in einfacher beziehungsweise manueller Arbeit sind stärker betroffen. 15. Technische Hilfsmittel werden nicht überall eingesetzt oder passen nicht zu den Arbeitsabläufen. 16. Unterweisung wird teilweise als Ersatz für technische und organisatorische Entlastung missverstanden. 17. Exoskelette werden vermarktet, obwohl ihre langfristige präventive Wirkung bisher nur schwach belegt ist. 18. Berufskrankheitenzahlen erfassen nur einen kleinen rechtlich definierten Ausschnitt. 19. Frühere Expositionen sind im Anerkennungsverfahren häufig schwer zu rekonstruieren. 20. Regionale und berufsspezifische Vergleichsdaten sind lückenhaft oder veraltet. --- ### 4. Kennzahlen | Kennzahl | Wert | Abgrenzung | |---|---:|---| | MSE-Arbeitsunfähigkeitstage 2024 | 171,3 Mio. | BAuA-Hochrechnung | | Anteil an allen AU-Tagen | 19,4 % | größte Diagnosegruppe | | Produktionsausfall | 26,1 Mrd. € | nicht ausschließlich arbeitsbedingt | | Ausfall an Bruttowertschöpfung | 44,2 Mrd. € | alternatives Kostenkonzept, nicht addieren | | Krankheitskosten 2023 | 49,9 Mrd. € | gesamte Bevölkerung und Versorgung | | Medizinische Reha, Orthopädie 2024 | 377.255 | 37,1 % der Erwachsenen-Rehabilitationen | | Neue Erwerbsminderungsrenten wegen MSE | 16.724 | 9,7 % aller Zugänge 2024 | | Häufiges schweres Heben/Tragen | 17 % | BIBB/BAuA 2024 | | Davon subjektiv belastet | 51 % | Beschäftigte mit häufiger Exposition | | Häufiges Arbeiten im Stehen | 46 % | 2006: 57 % | | Häufige anspruchsvolle Handarbeit | 30 % | 2012: 42 % | | Drei oder mehr Beschwerden bei häufigem Stehen | 40 % | ohne häufiges Stehen: 19 % | | MSE-Diagnosetage je Mitgliedsjahr | 5,8 | AOK-/BKK-basierte Detaildaten | | Unter 45 Jahre | 3,4 Tage | Durchschnitt | | Ab 45 Jahre | 8,8 Tage | Durchschnitt | | Anerkannte mechanische BK 2024 | rechnerisch 1.891 | Summe BK 2101–2116 | | Anerkannte LWS-BK 2108 | 734 | 2023: 588 | | Carpaltunnelsyndrom BK 2113 | 466 | 2023: 393 | | Gonarthrose BK 2112 | 286 | 2023: 246 | | Hüftarthrose BK 2116 | 119 | 2023: 106 | Quellen: [SuGA 2024](https://www.baua.de/DE/Angebote/Publikationen/Berichte/Suga-2024.pdf?__blob=publicationFile&v=7), [BIBB/BAuA 2024](https://www.baua.de/DE/Angebote/Publikationen/Fakten/BIBB-BAuA-49.pdf?__blob=publicationFile&v=4), [DGUV-BK-Anerkennungen](https://www.dguv.de/de/zahlen-fakten/bk-geschehen/anerkannte-bken/index.jsp), [DRV-Rehabilitation 2024](https://www.deutsche-rentenversicherung.de/SharedDocs/Downloads/DE/Statistiken-und-Berichte/statistikpublikationen/rv_in_zahlen.pdf?__blob=publicationFile&v=5). --- ### 5. Historische Entwicklung Die körperlichen Arbeitsanforderungen sind deutlich zurückgegangen: - Häufiges Stehen: von 57 Prozent 2006 auf 46 Prozent 2024. - Häufiges schweres Heben und Tragen: von 23 Prozent in den Erhebungen 2006 bis 2018 auf 17 Prozent 2024. - Anspruchsvolle Handarbeit: von 42 Prozent 2012 auf 30 Prozent 2024. Die empfundene Belastung sank nicht entsprechend: Von den häufig schwer Hebenden fühlten sich 2006 44 Prozent belastet, 2024 waren es 51 Prozent. Das kann unter anderem auf veränderte Tätigkeitszuschnitte, Selektion körperlich belastbarer Beschäftigter, Arbeitsintensität oder veränderte Erwartungen zurückgehen; die Befragung beweist keine einzelne Ursache. Auch die Erwerbsminderungsrenten wegen Muskel-Skelett-Erkrankungen gingen stark zurück: von 84.900 Zugängen 1995 über 54.094 im Jahr 2000 auf 16.724 im Jahr 2024. Der Rückgang um rund 80 Prozent ist nicht ausschließlich Prävention zuzuschreiben. Rentenrecht, Rehabilitation, Arbeitsmarktstruktur, medizinische Behandlung, Diagnosen und andere Erwerbsminderungsursachen haben sich ebenfalls verändert ([DRV-Zeitreihen](https://www.deutsche-rentenversicherung.de/SharedDocs/Downloads/DE/Statistiken-und-Berichte/statistikpublikationen/rv_in_zeitreihen.pdf?__blob=publicationFile&v=7)). --- ### 6. Branchen, Gruppen und regionale Verteilung Die BAuA weist 2024 folgende MSE-Diagnosetage je AOK-/BKK-Mitgliedsjahr aus: | Wirtschaftszweig | Diagnosetage | |---|---:| | Nahrung und Genuss | 8,2 | | Metallerzeugung | 8,2 | | Holz, Papier, Druck | 8,1 | | Verkehr und Lagerei | 7,6 | | Baugewerbe | 7,5 | | Chemie | 7,1 | | Sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen | 6,6 | | Gesundheits- und Sozialwesen | 5,9 | | Durchschnitt | 5,8 | | Information und Kommunikation | 2,0 | | Finanz- und Versicherungswesen | 2,2 | Die Unterschiede sind nicht rein kausal: Branchen unterscheiden sich auch nach Alter, Geschlecht, Qualifikation, Arbeitszeit, Gesundheitsselektion und Krankenkassenstruktur. Weitere Verteilungsmuster: - Männer kommen häufiger mit schweren Lasten in Kontakt; 2024 berichteten dies 19 Prozent der Männer und 16 Prozent der Frauen. - Frauen sind besonders in Pflege, Betreuung, Reinigung und Erziehung körperlich belastet. - Bei personenbezogenen Dienstleistungen berichteten in einer BAuA-Auswertung 72 Prozent häufiges Stehen und 25 Prozent häufiges schweres Heben. - Beschäftigte in Basisarbeit sind häufiger körperlichen Anforderungen und MSE-Beschwerden ausgesetzt. - Zeitarbeit konzentriert sich teilweise auf körperlich anspruchsvolle industrielle Einsatzbereiche. - Ab 45 Jahren liegen die MSE-Diagnosetage mit 8,8 deutlich über den 3,4 Tagen der Jüngeren. Bei den Erwerbsminderungsrentenzugängen 2024 machten MSE in den alten Ländern rechnerisch rund 9,7 Prozent und in den neuen Ländern rund 9,9 Prozent aus. Daraus ergibt sich kein belastbarer großer Ost-West-Unterschied. Für präzise Länder- oder Kreisvergleiche fehlen standardisierte aktuelle Expositions- und Morbiditätsdaten. --- ### 7. Internationaler Vergleich In der EU berichteten 2020 rund 6,0 Prozent der Erwerbstätigen ein Knochen-, Gelenk- oder Muskelproblem, das durch die Arbeit verursacht oder verschlimmert worden sei. Insgesamt meldeten 10,3 Prozent mindestens ein arbeitsbezogenes Gesundheitsproblem. Als jeweils schwerwiegendsten physischen Risikofaktor nannten Beschäftigte insbesondere: - ermüdende oder schmerzhafte Körperhaltungen, - repetitive Hand- oder Armbewegungen, - Handhabung schwerer Lasten, - Maschinen, Handwerkzeuge oder Fahrzeuge. Frauen bezeichneten schmerzhafte Körperhaltungen und repetitive Bewegungen häufiger als schwerwiegendsten Risikofaktor, Männer häufiger Maschinen, Werkzeuge und schwere Lasten ([Eurostat EU-LFS 2020](https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/SEPDF/cache/60466.pdf)). Internationale Anerkennungszahlen für Berufskrankheiten sind nicht unmittelbar vergleichbar. Listen, Expositionsschwellen, Beweisregeln, Meldewege und Entschädigungsanreize unterscheiden sich stark. Eurostat behandelt die europäischen Berufskrankheitenzahlen deshalb weiterhin als experimentelle Statistik. --- ### 8. Ursachen und Wirkungsmechanismen Gut belegte arbeitsbezogene Risikofaktoren sind: - Häufigkeit, Gewicht und Körperabstand beim Heben und Tragen, - Ziehen und Schieben hoher Lasten, - Kraftausübung mit ungünstigen Greifbedingungen, - kniende, hockende, gebückte oder verdrehte Arbeit, - Überkopfarbeit, - kurzzyklische repetitive Hand-Arm-Tätigkeiten, - Hand-Arm- und Ganzkörpervibrationen, - langes unbewegtes Stehen oder Sitzen, - fehlende Haltungs- und Tätigkeitswechsel, - unzureichende Pausen und Regeneration, - hohe Arbeitsgeschwindigkeit und Stückzahlvorgaben, - Arbeitsintensität und geringe Einflussmöglichkeiten, - ungeeignete Werkzeuge, Arbeitshöhen oder Reichweiten, - fehlende Hebe-, Transfer- und Transporthilfen. Muskel-Skelett-Erkrankungen sind meist multifaktoriell. Alter, Körpergewicht, Vorerkrankungen, genetische Faktoren, Sport, private Belastungen und psychosoziale Faktoren können beitragen. Arbeitsbedingtheit ist daher graduell und nicht immer eindeutig binär. --- ### 9. Verantwortungszuordnung | Akteur | Verantwortung | |---|---| | Arbeitgeber | Gefährdungsbeurteilung, ergonomische Gestaltung, Hilfsmittel, Arbeitsorganisation, Vorsorge | | Führungskräfte | realistische Leistungsvorgaben, Hilfsmittelnutzung und Haltungswechsel ermöglichen | | Arbeitsplanung/Einkauf | Ergonomie schon bei Beschaffung, Gebäuden und Prozessplanung berücksichtigen | | Hersteller | anthropometrisch anpassbare, ergonomisch geeignete Arbeitsmittel | | Betriebsärzte | Vorsorge, Beratung, Früherkennung, Rückmeldung anonymisierter Gruppenbefunde | | Fachkräfte für Arbeitssicherheit | Belastungsanalyse und Maßnahmenberatung | | Betriebs-/Personalräte | Mitbestimmung bei Arbeitsgestaltung, Gesundheitsschutz und Leistungssystemen | | Beschäftigte | Hilfsmittel nutzen, Beschwerden und Mängel früh melden | | Unfallversicherung | Methoden, Beratung, Präventionsprogramme und BK-Verfahren | | Krankenkassen/DRV | Prävention, Rehabilitation und Wiedereingliederung | | Länder | Kontrolle der betrieblichen Pflichten | | Bund/BMAS | Rechtsrahmen, arbeitsmedizinische Regeln und Berufskrankheitenliste | Nach § 4 ArbSchG müssen Gefahren vorrangig an ihrer Quelle bekämpft werden. Individuelle Maßnahmen sind gegenüber technischen und organisatorischen Lösungen nachrangig ([§ 4 ArbSchG](https://www.gesetze-im-internet.de/arbschg/__4.html)). --- ### 10. Rechtslage und politische Entscheidungen Die Lastenhandhabungsverordnung verpflichtet Arbeitgeber, gefährdende manuelle Lastenhandhabung möglichst zu vermeiden und insbesondere mechanische Arbeitsmittel einzusetzen. Ist sie nicht vermeidbar, muss die Belastung beurteilt und minimiert werden ([§ 2 LasthandhabV](https://www.gesetze-im-internet.de/lasthandhabv/__2.html)). Die Betriebssicherheitsverordnung verlangt: - ergonomische, alters- und alternsgerechte Arbeitsmittel, - Berücksichtigung körperlicher und psychischer Belastungen, - Anpassung von Arbeitsmittel, Aufgabe und Arbeitsablauf, - Vermeidung gesundheitsgefährdender Arbeitstempi, - technische Maßnahmen vor organisatorischen und personenbezogenen Maßnahmen. Bei wesentlich erhöhter körperlicher Belastung muss arbeitsmedizinische Vorsorge angeboten werden. Erfasst sind Lastenhandhabung, repetitive manuelle Tätigkeiten und Zwangshaltungen ([ArbMedVV-Anhang](https://www.gesetze-im-internet.de/arbmedvv/anhang.html), [AMR 13.2](https://www.baua.de/DE/Angebote/Regelwerk/AMR/pdf/AMR-13-2.pdf?__blob=publicationFile&v=1)). Die Berufskrankheitenliste wurde weiterentwickelt. Neben Wirbelsäule, Knie, Carpaltunnel und Hüfte umfasst sie inzwischen auch die Rotatorenmanschettenläsion durch intensive Schulterbelastung sowie Gonarthrose bei langjährigem Profifußball. Die Erweiterungen zeigen, dass die rechtliche Liste dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand zeitversetzt folgt ([aktuelle BKV-Anlage](https://www.gesetze-im-internet.de/bkv/anlage_1.html)). --- ### 11. Direkte Kosten Die Krankheitskosten sämtlicher Muskel-Skelett-Erkrankungen betrugen 2023 rund 49,9 Milliarden Euro beziehungsweise rund 600 Euro je Einwohner. Enthalten sind medizinische Behandlung, Pflege, Rehabilitation und weitere Gesundheitsleistungen für die gesamte Bevölkerung ([Destatis Krankheitskosten](https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/08/PD25_293_236.html)). Diese 49,9 Milliarden Euro dürfen nicht als Kosten schlechter Arbeitsbedingungen bezeichnet werden. Ein arbeitsbedingter Anteil ist darin enthalten, aber in der amtlichen Gesamtrechnung nicht separat ausgewiesen. Die Rentenversicherung führte 2024 rund 377.300 orthopädische medizinische Rehabilitationen für Erwachsene durch. Das waren 37,1 Prozent aller entsprechenden Rehabilitationen. Orthopädie und MSE sind eng verbunden, aber ebenfalls nicht deckungsgleich. --- ### 12. Indirekte Kosten Die BAuA schätzt für 2024: - Produktionsausfall: 26,1 Milliarden Euro, etwa 312 Euro je Einwohner. - Ausfall an Bruttowertschöpfung: 44,2 Milliarden Euro, etwa 529 Euro je Einwohner. Beide Werte beruhen auf denselben AU-Tagen und sind alternative Bewertungsansätze. Sie dürfen weder miteinander noch pauschal mit den Krankheitskosten addiert werden. Weitere nicht vollständig erfasste Folgen: - Präsentismus mit Schmerzen, - verringerte Produktivität und Arbeitsqualität, - Umsetzung auf andere Arbeitsplätze, - Qualifikations- und Einkommensverluste, - Pflege- und Unterstützungsaufwand in Familien, - Fachkräfteverlust, - Frühverrentung, - Rekrutierungs- und Einarbeitungskosten, - chronische Schmerzen und eingeschränkte gesellschaftliche Teilhabe. --- ### 13. Gewinner, Verlierer und Fehlanreize Betroffen sind besonders Beschäftigte in körperlich schwerer, manueller oder niedrig entlohnter Arbeit sowie ältere Beschäftigte, deren Regenerationsfähigkeit abnimmt. Kurzfristige Kostenvorteile entstehen für Betriebe, wenn sie: - Hebehilfen nicht beschaffen, - Prozesse nicht ergonomisch umgestalten, - zu wenig Personal einsetzen, - hohe Stückzahlen vorgeben, - Belastungen auf Zeitarbeit oder Subunternehmen verlagern. Ein Teil der Folgekosten fällt anschließend bei Krankenkassen, Rentenversicherung, Unfallversicherung, Familien und Beschäftigten an. Weitere Fehlanreize: - Hilfsmittel verlangsamen zunächst einzelne Abläufe und werden deshalb umgangen. - Beschäftigte verschweigen Schmerzen aus Angst vor Tätigkeitsverlust. - Vorsorge wird fälschlich als Eignungsprüfung wahrgenommen. - Formale Unterweisungen ersetzen technische Maßnahmen. - Automatisierung kann Belastungen verringern, aber auch Taktverdichtung und repetitive Resttätigkeiten erzeugen. - Exoskelette können als Ersatz für eigentlich notwendige Prozessänderungen eingesetzt werden. --- ### 14. Gegenargumente und Bewertung **„Rückenschmerzen sind eine Volkskrankheit und keine Arbeitgeberfrage.“** Der erste Teil stimmt: Rückenschmerzen sind multifaktoriell. Daraus folgt aber nicht, dass berufliche Lasten, Zwangshaltungen und Zeitdruck irrelevant wären. **„Die körperliche Arbeit ist stark zurückgegangen.“** Richtig. Dennoch arbeiten Millionen weiterhin häufig stehend, mit schweren Lasten oder repetitiv. Außerdem entstehen neue Belastungen durch Bewegungsmangel und hochverdichtete Restarbeit. **„Mehr Sport löst das Problem.“** Bewegung und Training können helfen. Sie ersetzen jedoch keine ergonomische Arbeitsgestaltung und keine Reduktion übermäßiger Exposition. **„Richtiges Heben genügt.“** Hebetechnik kann unterstützen. Bei zu hohen Gewichten, Wiederholungen oder ungünstigen Arbeitsbedingungen reicht Verhaltenstraining nicht aus. **„Exoskelette werden schwere Arbeit lösen.“** Bisher ist die Evidenz für die Primärprävention begrenzt. Wirkung, Akzeptanz und mögliche Belastungsverlagerung hängen stark von Tätigkeit und Körpermaßen ab ([BAuA Exoskelett-Evidenz](https://www.baua.de/EN/Service/Publications/Essays/article4294)). **„Die niedrige Zahl an Berufskrankheiten beweist geringe Arbeitsbedingtheit.“** Nein. Die BK-Statistik bildet nur definierte Krankheitsbilder mit spezifischen Expositions- und Kausalitätsvoraussetzungen ab. --- ### 15. Datenlücken - Keine aktuelle bundesweite Schätzung des kausal arbeitsbedingten Anteils der gesamten MSE-Kosten. - Detaillierte AU-Branchendaten beruhen nur auf AOK- und BKK-Versicherten. - Regionale Daten sind nicht ausreichend nach Alter, Beruf und Exposition standardisiert. - Beschwerden ohne Krankschreibung bleiben untererfasst. - Präsentismus wird nicht regelmäßig amtlich quantifiziert. - Expositionen werden selten über das gesamte Erwerbsleben dokumentiert. - Belastungswechsel zwischen Arbeitgebern und Branchen sind schwer rekonstruierbar. - Wechselwirkungen von körperlicher und psychischer Belastung sind betrieblich unzureichend erfasst. - Selbstständige, Plattformarbeitende und informell Beschäftigte sind schwach abgebildet. - Langzeitwirkungen von Exoskeletten und neuen Assistenzsystemen bleiben unsicher. - Aktuelle berufsspezifische MSE-Auswertungen sind teilweise noch Forschungsgegenstand. - Anerkennungszahlen neuer Berufskrankheiten sind wegen Verfahrensverzug zunächst schwer interpretierbar. --- ### 16. Reformoptionen 1. Physische Belastungen verpflichtend mit einem einheitlichen Basis-Check erfassen. 2. Die sechs BAuA-Leitmerkmalmethoden branchenweit verbreiten. 3. Ergonomie bereits in Planung, Ausschreibung und Beschaffung verbindlich berücksichtigen. 4. Hebe-, Transport- und Transferhilfen stärker fördern. 5. Pflegeeinrichtungen mit ausreichenden Hilfsmitteln und Nutzungspersonal ausstatten. 6. Leistungsvorgaben und Personalbemessung in die Belastungsbewertung aufnehmen. 7. Zwangshaltungen durch höhenverstellbare, drehbare und besser zugängliche Arbeitsplätze reduzieren. 8. Tätigkeits- und Haltungswechsel statt Dauersitzen oder Dauerstehen organisieren. 9. Belastungsarme Rotation nur zwischen tatsächlich unterschiedlich beanspruchenden Tätigkeiten einsetzen. 10. Frühintervention bei wiederkehrenden Beschwerden ausbauen. 11. Betr … (Ansicht gekürzt; der gespeicherte Text ist vollständig)