Dossier P
Verteidigungsfähigkeit und Beschaffung der Bundeswehr
Stand: 23. August 2026 · Problemregister: DE‑232 bis DE‑251
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# Dossier P – Verteidigungsfähigkeit und Beschaffung der Bundeswehr **Stand: 23. August 2026 · Problemregister: DE‑232 bis DE‑251** ## 1. Kernaussage Deutschlands Verteidigungsausgaben steigen inzwischen sehr stark, und bei persönlicher Ausrüstung, Flugabwehr, Seefernaufklärung und einzelnen Fahrzeugprogrammen sind messbare Fortschritte erkennbar. Das Kernproblem hat sich deshalb verschoben: **Nicht mehr allein fehlendes Geld, sondern die rechtzeitige Umwandlung von Geld in personell besetzte, ausgebildete, vollständig ausgerüstete und durchhaltefähige Verbände ist der entscheidende Engpass.** Die größten Risiken sind: - ein Abstand von rund 73.000 aktiven Soldaten zum Ziel von 260.000; - nicht öffentlich überprüfbare Angaben zur tatsächlichen Einsatzbereitschaft; - fehlende oder verspätete Digitalisierung und Interoperabilität; - unzureichend nachvollziehbare Munitionsreichweiten; - eine große, mit Rüstungsprojekten nicht immer synchronisierte Infrastrukturpipeline; - industrielle Liefergrenzen und nicht ausgeschöpfte Haushaltsansätze; - ein überkomplexer administrativer Aufbau; - Großprojektfehler wie das 2026 beendete Fregattenprogramm F126. Das 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen hat die Modernisierung beschleunigt, aber die historisch entstandenen Lücken nicht vollständig geschlossen. Noch größere Haushalte allein lösen die organisatorischen Probleme nicht. --- ## 2. Definition und Abgrenzung „Verteidigungsfähigkeit“ bezeichnet hier nicht bloß den Verteidigungshaushalt oder die Zahl bestellter Waffensysteme. Erforderlich sind gleichzeitig: 1. ausreichend verfügbares Personal; 2. einsatzbereites Material; 3. Munition, Ersatzteile und Betriebsstoffe; 4. Führungs-, Kommunikations- und Aufklärungssysteme; 5. Ausbildung und Übung; 6. Logistik und Sanitätsversorgung; 7. geeignete Kasernen, Depots, Flugplätze, Häfen und Übungsplätze; 8. industrielle Nachlieferungs- und Instandsetzungskapazität; 9. organisatorische Führungsfähigkeit; 10. Einbindung in NATO-Verbände und NATO-Verteidigungsplanung. Ausgaben, parlamentarische Bewilligungen, Vertragswerte, Lieferungen und Einsatzbereitschaft sind verschiedene Messstufen: `Haushaltsansatz → Bewilligung → Vertrag → Produktion → Abnahme → Ausbildung → Einsatzbereitschaft → Durchhaltefähigkeit` **Entdoppelung:** - Die Abgabe von Bundeswehrmaterial an die Ukraine und dessen Wiederbeschaffung bleiben bei **DE‑221/222**. - Allgemeine Bürokratielasten bleiben bei **DE‑156 bis DE‑170**; hier erfasst wird nur die verteidigungsspezifische Wirkung. - Allgemeine öffentliche Investitionsrückstände bleiben bei **DE‑171 bis DE‑182**; hier geht es ausschließlich um militärische Liegenschaften. - Schulden, Sondervermögen und Zinsen bleiben grundsätzlich bei **DE‑031 bis DE‑038**. - Rüstungsexporte und Militärhilfe außerhalb Deutschlands wurden in Dossier O behandelt. --- ## 3. Konkrete Teilprobleme ### 3.1 Ausgaben sind kein Fähigkeitsnachweis Für 2026 stehen im Einzelplan 14 rund 82,7 Milliarden Euro und im Sondervermögen Bundeswehr weitere 25,5 Milliarden Euro bereit. Daraus folgt aber nicht, dass Material im gleichen Jahr geliefert oder ein Verband einsatzbereit wird. 2025 wurden 103 sogenannte 25-Millionen-Euro-Vorlagen mit einem Gesamtvolumen von 83,8 Milliarden Euro bewilligt. Tatsächlich ausgegeben wurden im regulären Verteidigungshaushalt 59,4 Milliarden Euro und im Sondervermögen 19,5 Milliarden Euro. Bewilligungsvolumen, Vertragsvolumen und Ausgaben dürfen daher nicht addiert werden. [Wehrbericht 2025](https://dserver.bundestag.de/btd/21/042/2104200.pdf) ### 3.2 Begrenzte Fähigkeit, bewilligte Mittel umzusetzen 2025 standen im Einzelplan 14 rund 62,3 Milliarden Euro bereit, ausgegeben wurden 59,4 Milliarden Euro. Im Sondervermögen waren 24 Milliarden Euro vorgesehen, aber nur 19,5 Milliarden Euro wurden verausgabt. Die gesamte Ausführung lag damit bei rund 78,9 von 86,3 Milliarden Euro beziehungsweise etwa 91 Prozent. Beim Sondervermögen waren es nur rund 81 Prozent. Als Gründe nennt der Wehrbeauftragte industrielle Verzögerungen, Störungen in Projektabläufen und teilweise günstigere Marktpreise. Das ist nicht vollständig „verlorenes Geld“: Verträge und Zahlungen können in Folgejahre fallen. Es belegt aber, dass die Produktions- und Projektkapazität nicht automatisch mit dem Haushalt wächst. ### 3.3 Große Personallücke zum neuen Ziel Am 31. Juli 2026 verfügte die Bundeswehr über 186.705 aktive Soldatinnen und Soldaten. Das politische Ziel liegt inzwischen bei 260.000 bis Mitte der 2030er-Jahre. Die rechnerische Lücke beträgt rund 73.300 Personen beziehungsweise 28 Prozent der Zielgröße. [Aktuelle Personalzahlen](https://www.bundeswehr.de/de/organisation/zahlen-daten-fakten/personalzahlen-bundeswehr) Von Ende 2025 bis Juli 2026 stieg die Stärke von 184.194 auf 186.705. Das ist eine Verbesserung. Um 260.000 zu erreichen, wäre aber über Jahre ein deutlich höherer Nettozuwachs erforderlich als die rund 3.000 zusätzlichen Soldaten im Jahr 2025. ### 3.4 Personalstruktur ist teilweise zu administrativ und kopflastig Ende 2025 entfielen 21,6 Prozent der Soldaten auf Offiziere, 49,1 Prozent auf Unteroffiziere und 29,3 Prozent auf Mannschaften. Der Wehrbeauftragte und der Bundesrechnungshof kritisieren den Umfang administrativer Aufgaben, höhere Planstellen und den Einsatz militärischen Personals in Verwaltungsfunktionen. Der Bundesrechnungshof stellte zudem fest, dass mehrere Zehntausend Dienstposten für Aufgaben vorgesehen seien, die im Fall der Landes- und Bündnisverteidigung nach Einschätzung des Ministeriums nicht wahrgenommen werden müssten. [Bundesrechnungshof-Sonderbericht](https://www.bundesrechnungshof.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2025/bundeswehr.html) ### 3.5 Hoher Personalumschlag reduziert den Nettoaufwuchs 2025 bewarben sich 55.958 Menschen; rund 25.000 wurden eingestellt. Gleichzeitig verließen 21.924 Soldaten die Bundeswehr, darunter 4.505 innerhalb der sechsmonatigen Probezeit durch Widerruf. Die Bundeswehr gewinnt damit viele Menschen, verliert aber ebenfalls sehr viele. Lange, fehlerhafte oder wenig digitalisierte Bewerbungs- und Personalverfahren verschärfen das Problem. Der Personalaufwuchs hängt deshalb nicht nur von Werbung, sondern von Bindung, Dienstbedingungen, Führung, Unterkünften und funktionierender Personalverwaltung ab. ### 3.6 Neuer Wehrdienst trifft auf begrenzte Ausbildungskapazität Der geplante Aufwuchs erfordert Musterungsstellen, Ausbilder, Unterkünfte, Bekleidung, Sanitätskapazitäten und Material. Allein für den neuen Wehrdienst werden perspektivisch 54.000 zusätzliche Betten geplant. Ein kurzfristiger Anstieg der Rekrutenzahl kann reguläre Verbände zunächst sogar belasten, weil erfahrenes Personal als Ausbilder gebunden wird. Ob das freiwillige Modell den geplanten Aufwuchs trägt, ist noch nicht bewiesen. ### 3.7 Tatsächliche Einsatzbereitschaft ist öffentlich kaum überprüfbar Detaillierte Verfügbarkeitsquoten wichtiger Waffensysteme, Munitionsbestände, Personalbesetzung und NATO-Fähigkeitsziele werden aus nachvollziehbaren Sicherheitsgründen nicht oder nur als Verschlusssache veröffentlicht. Damit kann die Öffentlichkeit seriös feststellen, wie viel Geld ausgegeben und welches Material geliefert wurde – aber nicht umfassend beurteilen, wie viele vollständige Verbände für wie lange einsatzfähig wären. Der Wehrbericht verzichtet beispielsweise bei D-LBO ausdrücklich auf Einzelheiten, um keine Rückschlüsse auf Fähigkeiten zuzulassen. **Folge:** Aussagen wie „Die Bundeswehr ist nicht einsatzfähig“ oder „voll einsatzbereit“ sind öffentlich in dieser Pauschalität nicht belastbar verifizierbar. ### 3.8 Persönliche Ausrüstung verbessert, Verbandsausstattung aber nicht durchgehend gesichert Die vorgezogene Vollausstattung mit Kampfbekleidung, MOBAST, Gefechtshelm und Rucksacksystem wurde bis Ende 2025 weitgehend erreicht. 2025 wurden unter anderem rund 200.000 ballistische Schutzausstattungen und knapp 190.000 Gefechtshelme geliefert. [Beschaffungsbilanz 2025](https://www.bundeswehr.de/de/organisation/ausruestung-baainbw/aktuelles/beschaffungen-bilanz-2025-6054598) Bei Truppenbesuchen fehlte laut Wehrbeauftragtem jedoch weiterhin zu häufig Ausbildungsmaterial. Persönliche Ausstattung darf daher nicht mit vollständiger Gefechts- und Verbandsausstattung verwechselt werden. ### 3.9 Munitionsbestände und Lagerkapazitäten bleiben kritische Daten- und Fähigkeitsfelder Für 2026 waren rund 14,8 Milliarden Euro für Munition eingeplant. Die tatsächlichen Bestände und rechnerischen Durchhaltezeiten sind öffentlich nicht belastbar quantifizierbar. Hinzu kommt ein Infrastrukturengpass: Ein erforderlicher Umbau eines Munitionslagers soll nach einem im Wehrbericht genannten Beispiel erst um 2038 abgeschlossen werden. Stillgelegte Lager sollen deshalb teilweise reaktiviert werden. Große Munitionsbestellungen helfen nur, wenn gleichzeitig Produktionskapazität, Abnahme, sichere Lagerflächen, Transport und Bestandsverwaltung aufgebaut werden. ### 3.10 Verzögerte Digitalisierung beeinträchtigt Interoperabilität Das Programm „Digitalisierung Landbasierter Operationen“ soll Fahrzeuge und Verbände mit digitaler, verschlüsselter Kommunikation ausstatten. 2025 traten Probleme beim Einbau der Funkgeräte auf; das Gesamtsystem überzeugte bei einem Test zunächst nicht. 2026 meldete die Bundeswehr deutliche Fortschritte. Die 10. Panzerdivision soll bis Ende 2027 digitalisiert werden, sämtliche Fahrzeuge aber erst bis Ende der 2030er-Jahre. Bis dahin ist ein Mischbetrieb aus unterschiedlich ausgestatteten Fahrzeugen erforderlich. [D-LBO-Sachstand](https://www.bundeswehr.de/de/meldungen/digitalisierung-landbasierte-operationen) Das ist nicht bloß ein Komfortproblem: Kommunikation, Lagebild, Zielzuweisung und Zusammenarbeit mit NATO-Partnern hängen davon ab. ### 3.11 Beschaffungsamt steht vor einem strukturellen Skalierungsproblem Im April 2024 hatte das BAAINBw 12.768 Dienstposten, davon waren 11.280 beziehungsweise 88,3 Prozent besetzt. Gleichzeitig betreute es 1.868 Projekte einschließlich Nutzungsphase und schloss allein 2023 mehr als 12.000 Beschaffungsverträge. [19. Rüstungsbericht](https://www.bmvg.de/resource/blob/5820310/c30ac0f6b6437838720d9d7e1298f6a8/19-ruestungsbericht-teil-1-data.pdf) 2025 wurden mehr als 11.500 Verträge mit einem Gesamtwert von fast 34 Milliarden Euro geschlossen. Mit wachsender Flotte steigen zugleich Instandhaltung, Produktpflege, Ersatzteilversorgung und Obsoleszenzmanagement. ### 3.12 Das gescheiterte F126-Programm erzeugt eine konkrete Fähigkeitslücke Das Fregattenprojekt F126 wurde am 24. Juni 2026 beendet, weil der Generalunternehmer nach Darstellung der Bundeswehr die Anforderungen an eine termin-, leistungs- und sachgerechte Umsetzung nicht mehr erfüllen konnte. Ein Wechsel des Generalunternehmers hätte laut Bundeswehr mehr als 18 Milliarden Euro gekostet und einen Verzicht auf mögliche Schadenersatzansprüche erfordert. Die Marine bestätigt eine Fähigkeitslücke bei der U-Boot-Jagd. Als Ersatz wurden zunächst vier MEKO-A-200-Fregatten für knapp 6,3 Milliarden Euro bewilligt. Das erste Schiff ist für Dezember 2029 geplant. Die 6,3 Milliarden Euro sind allerdings nicht vollständig als „Schaden“ des F126-Problems zu werten, weil dafür neue Schiffe geliefert werden. [MEKO A‑200 DEU](https://www.bundeswehr.de/de/beschaffung/meko-a-200-deu) ### 3.13 Steigende Instandhaltungs- und Betriebskosten verkleinern den Spielraum Die Ausgaben für Materialerhaltung stiegen nominal von 4,16 Milliarden Euro 2019 auf 5,76 Milliarden Euro 2023; für 2024 waren 6,88 Milliarden Euro vorgesehen. Gründe sind zusätzliche Systeme, Alterung, Ersatzteile und Preissteigerungen. 2025 wurden fast sieben Milliarden Euro in Nutzung und Erhaltung vorhandener Ausrüstung investiert. Neue Beschaffung führt somit dauerhaft zu höheren Personal-, Wartungs-, Infrastruktur-, Software- und Munitionskosten. ### 3.14 Militärische Infrastruktur wächst nicht im Tempo der Beschaffungsplanung Für 2025 standen rund 1,06 Milliarden Euro für Neu- und Ersatzbauten sowie 270 Millionen Euro für Sanierungen bereit. In den Auftragsbüchern lagen gleichzeitig Infrastrukturbedarfe von rund 26 Milliarden Euro bis 2035. Bis 2045 prognostiziert die Bundeswehr einen Gesamtbedarf von mehr als 100 Milliarden Euro, einschließlich klimapolitischer Maßnahmen. [Infrastrukturbilanz 2025](https://www.bundeswehr.de/de/organisation/infrastruktur-umweltschutz-und-dienstleistungen/aktuelles/jahresbilanz-infrastruktur-bundeswehr-6054206) Diese kumulierten Bedarfe sind nicht direkt mit einem einzelnen Jahresbudget vergleichbar. Sie zeigen aber die Größenordnung der Pipeline. ### 3.15 Neue Waffensysteme benötigen oft zuerst Milliardenbauten Für die CH‑47F-Hubschrauber werden allein am Hauptstandort Schönewalde etwa 25 Infrastrukturmaßnahmen mit Gesamtkosten von ungefähr einer Milliarde Euro benötigt. Auch F‑35, P‑8A und Arrow erfordern neue Hangars, Sicherheitsbereiche, Flugflächen, Kommunikationssysteme und Wartungseinrichtungen. Ein geliefertes Waffensystem ist deshalb nicht automatisch militärisch nutzbar. Beschaffungs- und Bauplanung müssen zeitlich zusammenpassen. ### 3.16 Zuständigkeiten sind stark fragmentiert Beteiligt sind unter anderem: - Bundestag und Haushaltsausschuss; - Verteidigungsministerium; - militärische Bedarfsträger; - BAAINBw; - BAIUDBw; - Bundesanstalt für Immobilienaufgaben; - Bauverwaltungen der Länder; - NATO-Agenturen; - Hersteller und Unterauftragnehmer. Die parlamentarische Zustimmung bei Projekten über 25 Millionen Euro ist eine wichtige Haushaltskontrolle. Sie schafft aber eine zusätzliche Stufe. Die Fragmentierung wird problematisch, wenn niemand durchgehend für Kosten, Termin, Infrastruktur, Ausbildung und Einsatzreife eines Gesamtprojekts verantwortlich ist. ### 3.17 Beschleunigung erhöht das Risiko unwirtschaftlicher Entscheidungen Das 2026 in Kraft getretene Bundeswehrbeschaffungsbeschleunigungsgesetz ermöglicht unter anderem Erleichterungen im Vergaberecht, Vorleistungen und die Erweiterung von Rahmenvereinbarungen. Es kann Beschaffungen beschleunigen. [BwBBG 2026](https://www.gesetze-im-internet.de/bwbbg_2026/BJNR0280B0026.html) Der Bundesrechnungshof warnt gleichzeitig, dass der Vorrang des Faktors Zeit und stark wachsende Budgets das Risiko unwirtschaftlicher Entscheidungen erhöhen. Notwendig ist daher nicht maximale Verfahrensdauer, sondern eine dokumentierte Balance aus Zeit, Kosten, Qualität, Wettbewerb und Versorgungssicherheit. ### 3.18 Industrielle Kapazität ist ein eigenständiger Engpass Die Nachfrage Deutschlands, anderer NATO-Staaten und der Ukraine trifft gleichzeitig auf begrenzte Kapazitäten bei Munition, Sprengstoffen, Flugkörpern, Elektronik, Werften, Fachkräften und bestimmten Rohstoffen. Der Staat kann Bestellungen vorfinanzieren und langfristige Abnahmegarantien geben. Produktionsanlagen, Lieferketten und qualifizierte Beschäftigte entstehen dennoch nicht sofort. Die Differenz zwischen 2025 bereitgestellten und tatsächlich ausgegebenen Mitteln belegt zumindest teilweise diese Umsetzungsgrenze. ### 3.19 Fehlende Priorisierung belastet das „Single Set of Forces“ Die Bundeswehr muss Landesverteidigung, NATO-Ostflanke, Brigade Litauen, Luftverteidigung, maritime Sicherung, internationale Einsätze, Ausbildung und territoriale Aufgaben mit einem einzigen Kräftebestand erfüllen. Der Bundesrechnungshof sieht keine hinreichend umfassende Aufgabenkritik. Neue Aufgaben ohne Streichung oder Zurückstellung weniger wichtiger Tätigkeiten verteilen knappes Personal und Material immer dünner. ### 3.20 Schutz und Resilienz der Liegenschaften sind nicht durchgehend gesichert 2025 wurden 112 Straftaten gegen die Bundeswehr erfasst, darunter sechs Brandanschläge und zehn gemeldete Sabotageakte. Der Wehrbeauftragte fordert sabotagesichere Standorte und eine stärkere Berücksichtigung hybrider Bedrohungen. Das betrifft Bewachung, Drohnenabwehr, Zutrittskontrolle, IT, Energieversorgung und Redundanzen. Diese Kosten sind Teil realer Einsatzfähigkeit, werden aber in öffentlichen Debatten über Panzer- und Flugzeugzahlen oft übersehen. --- ## 4. Zentrale Kennzahlen | Kennzahl | Stand | Einordnung | |---|---:|---| | Aktive Soldaten | 186.705, Juli 2026 | Ziel: 260.000 bis Mitte der 2030er | | Rechnerische Lücke zum Ziel | rund 73.300 | Zielgröße, keine heutige Sollstärke | | Personal Ende 2025 | 184.194 | rund 3.000 mehr als Ende 2024 | | Bewerbungen 2025 | 55.958 | deutlicher Anstieg | | Einstellungen 2025 | rund 25.000 | bestes Ergebnis seit Aussetzung der Wehrpflicht | | Abgänge 2025 | 21.924 | begrenzen Nettoaufwuchs | | Einzelplan 14, Soll 2026 | 82,7 Mrd. € | geltender Bundeshaushalt | | Sondervermögen, Soll 2026 | 25,5 Mrd. € | nicht nochmals zum NATO-Gesamtwert addieren | | Zusammen | 108,2 Mrd. € | rund 1.296 € je Einwohner bei 83,47 Mio. Einwohnern | | Anteil Einzelplan 14 am Bundeshaushalt | rund 15,8 % | 82,7 von 524,54 Mrd. € | | NATO-Quote 2024 | 2,0 % des BIP | 2014: 1,16 % | | NATO-Plan Deutschland | 3,5 % bis 2029 | neues Bündnisziel spätestens 2035 | | Beschaffungsverträge 2025 | über 11.500; fast 34 Mrd. € | Vertragswert, keine Jahresausgabe | | Geliefertes Material 2025 | rund 24 Mrd. € aus 149 Projekten | nicht zu Vertragswerten addieren | | 25-Millionen-Vorlagen 2025 | 103; 83,8 Mrd. € | mehrjährige Bewilligungsvolumina | | Munitionsansatz 2026 | rund 14,8 Mrd. € | Bestand und Reichweite geheim | | Infrastrukturbedarf bis 2035 | rund 26 Mrd. € | Auftragsbuch, mehrjährig | | Prognose Infrastruktur bis 2045 | über 100 Mrd. € | einschließlich Klimamaßnahmen | Bevölkerungsbasis: 83.467.117 Einwohner am 31. Dezember 2025. [Destatis](https://genesis.destatis.de/datenbank/online/statistic/12411/table/12411-0020) --- ## 5. Historische Entwicklung - **Kalter Krieg:** Die Bundeswehr hatte zeitweise annähernd 495.000 aktive Soldaten. - **1990:** Nach der Wiedervereinigung wurde eine Obergrenze von 370.000 festgelegt. - **1990er- und 2000er-Jahre:** Standorte, Personal, Depots und Waffensysteme wurden reduziert. Der Schwerpunkt verlagerte sich von Landesverteidigung zu Auslandseinsätzen. - **2011:** Aussetzung der Wehrpflicht und Orientierung auf ungefähr 180.000 Zeit- und Berufssoldaten. [Geschichte der Reformen](https://www.bundeswehr.de/de/selbstverstaendnis/geschichte-bundeswehr/reformen-bundeswehr) - **Ab 2014:** Nach der Annexion der Krim begann eine langsame Rückorientierung auf Landes- und Bündnisverteidigung. - **2022:** „Zeitenwende“ und Einrichtung des 100-Milliarden-Euro-Sondervermögens. - **2023:** Neue Verteidigungspolitische Richtlinien erklärten Landes- und Bündnisverteidigung wieder zum Kernauftrag. [Verteidigungspolitische Richtlinien 2023](https://www.bmvg.de/resource/blob/5701724/5ba8d8c460d931164c7b00f49994d41d/verteidungsplitische-richtlinien-2023-data.pdf) - **2024:** Deutschland erreichte nach NATO-Berechnung erstmals wieder rund zwei Prozent des BIP. - **2025:** Grundgesetzliche Bereichsausnahme für Verteidigungsausgaben; NATO beschloss 3,5 Prozent Kernausgaben plus bis zu 1,5 Prozent verteidigungs- und sicherheitsbezogene Ausgaben bis 2035. - **2026:** Neues Beschleunigungsgesetz, Reformagenda für das BAAINBw und neues Personalziel von 260.000 aktiven Soldaten. **Historische Interpretation:** Die heutigen Lücken entstanden nicht durch eine einzelne Regierung. Sie sind das kumulierte Ergebnis von rund drei Jahrzehnten Personalabbau, Standortschließungen, reduzierter Lagerhaltung, begrenzter Beschaffung und einer auf kleinere Auslandseinsätze optimierten Struktur. --- ## 6. Regionale Unterschiede Militärische Fähigkeiten sind national zu bewerten, aber die Umsetzung ist regional sehr unterschiedlich: - Das BAAINBw und damit ein großer Teil der Beschaffungssteuerung sitzt in Koblenz. - Nordrhein-Westfalen hat eine Taskforce für verteidigungsrelevanten Bundesbau und zusätzliche Stellen eingerichtet. - Thüringen plant eine eigene Abteilung für Bundesbau; in Bad Frankenhaus … (Ansicht gekürzt; der gespeicherte Text ist vollständig)