Dossier S

Landwirtschaft, Ernährungssicherheit, Lebensmittelreserven und Versorgungsketten

Stand: 24. August 2026 · Register: DE-292 bis DE-312

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# Dossier S – Landwirtschaft, Ernährungssicherheit, Lebensmittelreserven und Versorgungsketten

**Stand: 24. August 2026 · Register: DE-292 bis DE-312**

## 1. Kernaussage

Deutschland verfügt über eine leistungsfähige, hochproduktive und international verflochtene Lebensmittelwirtschaft. Eine allgemeine akute Nahrungsmittelknappheit ist nicht erkennbar. Bei Getreide, Kartoffeln, Zucker und vielen Milchprodukten erreicht oder überschreitet die heimische Erzeugung rechnerisch den inländischen Verbrauch.

Diese aggregierten Selbstversorgungsgrade überschätzen jedoch die Krisenfestigkeit. Deutschland ist bei Obst, Gemüse, Fisch, Pflanzenölen, Eiweißfuttermitteln, Phosphatdünger, Energie sowie bei Teilen der Verarbeitung, Verpackung und Logistik stark von Importen und funktionierenden Infrastrukturen abhängig. Staatliche Notvorräte existieren, reichen je nach Produkt aber nur für Tage bis Wochen und sind ohne Verarbeitung, Energie, Transporte und dezentrale Verteilung nur eingeschränkt nutzbar.

Die zentralen Probleme sind daher nicht eine generell zu geringe Agrarproduktion, sondern:

- spezifische Import- und Betriebsmittelabhängigkeiten,
- betriebliche Nachfolge- und Investitionsprobleme,
- erhebliche Einkommensschwankungen,
- steigende Boden- und Pachtkosten,
- Marktkonzentration in Handel und Verarbeitung,
- Zielkonflikte zwischen Produktion, Klima-, Wasser-, Tier- und Umweltschutz,
- sowie eine nur teilweise operationalisierte Ernährungsnotfallvorsorge.

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## 2. Abgrenzung und Doppelzählungskontrolle

Dieses Dossier untersucht landwirtschaftliche Produktion, Lebensmittelversorgung, Betriebsmittel, Handel, Ernährungsnotfallvorsorge und staatliche Lebensmittelreserven.

Nicht erneut als eigenständige Probleme gezählt werden:

- Energieversorgung: Querverweis auf DE-071 bis DE-085.
- Bahn, Straßen und Güterverkehr: DE-086 bis DE-103 sowie DE-171 bis DE-182.
- Genehmigungen und allgemeine Bürokratie: DE-156 bis DE-170.
- allgemeiner Katastrophen- und Bevölkerungsschutz: DE-272 bis DE-291.
- private Haushaltsvorräte: bereits DE-278.
- allgemeine Inflation und Sozialpolitik: hier nur lebensmittelspezifische Auswirkungen.
- Hochwasser, Wasserknappheit, Wald- und Klimaanpassung: Vertiefung im nächsten Dossier.

Agrarzahlungen werden nicht addiert, wenn sie unterschiedliche Darstellungen derselben EU-Finanzierungsströme sind. Der deutsche GAP-Plan von 30,5 Milliarden Euro für 2023–2027 und jährliche EU-Agrarmittel dürfen deshalb nicht einfach zu einer vermeintlichen Gesamtsumme zusammengerechnet werden.

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## 3. Die zentralen Teilprobleme

1. Fortgesetzter Rückgang der Zahl landwirtschaftlicher Betriebe.
2. Alterung und vielfach ungeklärte Hofnachfolge.
3. Rückgang der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte und Abhängigkeit von Saisonbeschäftigten.
4. Extreme Schwankungen der Betriebseinkommen.
5. Hohe Abhängigkeit vieler Betriebsformen von staatlichen Zahlungen.
6. Steigende Pachtpreise und erschwerter Flächenzugang.
7. Zunehmende Einbindung großer Agrarbetriebe in Unternehmensgruppen.
8. Niedrige Selbstversorgung mit Obst und vielen Gemüsearten.
9. Verwundbarkeit bei bestimmten Getreidearten und Pflanzenölen.
10. Sehr hohe Importabhängigkeit bei Fisch.
11. Abhängigkeit von importierten Eiweißfuttermitteln, besonders Soja.
12. Importabhängigkeit bei Phosphat sowie Energie- und Düngemittelkosten.
13. Irreführende Verwendung aggregierter Selbstversorgungsgrade.
14. Hohe Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel und teilweise in der Verarbeitung.
15. Dauerhaft erhöhtes Lebensmittelpreisniveau und soziale Verteilungswirkungen.
16. Nitrat-, Emissions- und Biodiversitätskonflikte.
17. Wachsende Klima-, Ertrags- und Bewässerungsrisiken.
18. Wechselhafte staatliche Vorgaben beim Umbau der Tierhaltung.
19. Begrenzte und teilweise veraltete Konzeption der Bundeslebensmittelreserven.
20. Unzureichend durchgeplante Verarbeitung, Logistik und Verteilung im Krisenfall.
21. Hohe Lebensmittelverluste entlang der Versorgungskette.

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## 4. Maßgebliche Kennzahlen

| Kennzahl | Stand | Befund |
|---|---:|---|
| Landwirtschaftliche Betriebe | 2023 | 255.000; rund 7.800 weniger als 2020 |
| Betriebe 2010 | 2010 | 299.134 |
| Landwirtschaftlich genutzte Fläche | 2023/24 | rund 16,6 Mio. ha |
| Durchschnittliche Betriebsgröße | 2023 | 65 ha |
| Arbeitskräfte | 2023 | 876.000; 7 % weniger als 2020 |
| Saisonarbeitskräfte | 2023 | 242.800 beziehungsweise 28 % |
| Betriebe im Nebenerwerb | 2023 | 55 % der Einzelunternehmen |
| Gepachtete Fläche | 2023 | 60 % der Agrarfläche |
| Durchschnittliche Pacht | 2023 | 357 Euro je ha; 9 % mehr als 2020 |
| Unternehmen in Unternehmensgruppen | 2024 | 5.150 Betriebe; 2 % der Betriebe, aber 13 % der Fläche |
| Betriebe mit gesicherter Nachfolge | 2020 | 35 % der Einzelunternehmen mit Betriebsleitung ab 55 Jahren |
| Einkommen je Arbeitskraft | 2024/25 | durchschnittlich 46.800 Euro |
| Staatliche Zahlungen, alle Betriebe | 2024/25 | durchschnittlich 38.529 Euro je Betrieb |
| Selbstversorgung Getreide | 2024/25 | knapp 100 % |
| Weichweizen | 2024/25 | 108 % |
| Gerste | 2024/25 | 124 % |
| Hartweizen | 2024/25 | 22 % |
| Kartoffeln | 2024/25 | 145 % |
| Zucker | 2024/25 | 154 % |
| Gemüse insgesamt | 2024/25 | 38,6 % |
| Tomaten | 2024/25 | 4 % |
| Obst insgesamt | 2024/25 | 18 % |
| Pflanzenöle insgesamt | 2024 | 25 % |
| Sonnenblumenöl | 2024 | 10 % |
| Fisch | 2025 | 17,3 % |
| Heimisches Eiweiß im Tierfutter | 2023/24 | 75 % des verdaulichen Proteins |
| Lebensmittelhandel, vier Gruppen | 2025 | ungefähr 85 % Marktanteil |
| Lebensmittelpreisniveau | Juli 2026 | 36,8 % über dem Jahresdurchschnitt 2020 |
| Bewässerte Fläche | 2022 | 554.000 ha beziehungsweise 3,3 % |
| Lebensmittelabfälle | 2023 | 10,9 Mio. Tonnen |
| Bundesreserve – Haushaltsansatz | 2026 | 24,715 Mio. Euro |

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## 5. Historische Entwicklung

Die Zahl der Betriebe ging von 299.134 im Jahr 2010 auf rund 255.000 im Jahr 2023 zurück. Gleichzeitig blieb die landwirtschaftliche Fläche ungefähr konstant. Daraus entstand ein langfristiger Konzentrationsprozess: Weniger Betriebe bewirtschaften im Durchschnitt größere Flächen.

Dieser Prozess ist nicht automatisch negativ. Größere Betriebe können effizienter investieren, Technik besser auslasten und professionellere Strukturen aufbauen. Problematisch wird er dort, wo:

- Hofnachfolger fehlen,
- Bodenpreise den Neueinstieg verhindern,
- kleine und mittlere Betriebe unfreiwillig ausscheiden,
- regionale Verarbeitungs- und Versorgungsstrukturen verschwinden,
- oder Eigentum und tatsächliche Kontrolle über Agrarflächen intransparent werden.

Seit 2020 trafen mehrere Belastungen zusammen: Pandemie, Lieferkettenprobleme, der russische Angriff auf die Ukraine, Energie- und Düngemittelpreisschocks, Tierseuchen, Wetterextreme und ein starker Anstieg der Verbraucherpreise. Die Agrarpolitik reagierte unter anderem mit Änderungen am GAP-Plan, Entlastungen, einer zunächst geplanten Abschaffung und späteren Wiedereinführung der Agrardieselvergütung sowie mehrfach veränderten Regeln für den Umbau der Tierhaltung.

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## 6. Regionale Unterschiede

Die Strukturprobleme sind räumlich sehr unterschiedlich:

- In Ostdeutschland dominieren häufiger große Betriebe und juristische Personen. Rund 92 % der von Unternehmensgruppen bewirtschafteten Fläche liegen in den ostdeutschen Flächenländern.
- In Bayern, Baden-Württemberg und Teilen Westdeutschlands bestehen mehr kleinere Familien-, Neben- und Gemischtbetriebe.
- Die durchschnittliche Pacht reicht von etwa 99 Euro je Hektar im Saarland bis 560 Euro in Nordrhein-Westfalen. Niedersachsen liegt bei 548 Euro, Schleswig-Holstein bei 479 Euro und Bayern bei 415 Euro.
- Niedersachsen vereint rund 55 % der bundesweit tatsächlich bewässerten Agrarfläche.
- Küstenregionen, Veredelungszentren und viehstarke Landkreise haben andere Abhängigkeiten als Ackerbau- und Weinbauregionen.
- Regionale Überschüsse bedeuten im Krisenfall nicht automatisch lokale Versorgung: Verarbeitung, Schlachtung, Kühlung, Mühlen, Lagerung und Einzelhandel sind teilweise räumlich konzentriert.

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## 7. Internationaler Vergleich

Deutschland ist mit durchschnittlich 65 Hektar pro Betrieb großbetrieblicher strukturiert als der EU-Durchschnitt von zuletzt rund 17 Hektar. Die Vergleichsjahre sind allerdings nicht identisch.

Der geringe Anteil junger Betriebsleiter ist kein ausschließlich deutsches Problem. Nach den Daten des deutschen GAP-Plans waren etwa 7 % der deutschen Landwirte jünger als 35 Jahre. EU-weit lag der Anteil 2020 bei ungefähr 6 %. Deutschland ist somit nicht außergewöhnlich schlecht, das grundsätzliche Nachfolgeproblem bleibt aber bestehen.

Bei der Ernährungsnotfallvorsorge ist die Schweiz deutlich expliziter:

- Pflichtlager umfassen Lebensmittel, Futtermittel, Düngemittel, Energie, Medikamente und weitere kritische Güter.
- Je nach Gut werden Vorräte für ungefähr zwei bis vier Monate des durchschnittlichen Verbrauchs angestrebt.
- In Deutschland beziehen sich staatliche Vorräte dagegen auf einzelne Grundnahrungsmittel; ihre Reichweite wird produktabhängig in Tagen bis Wochen angegeben.

Das Schweizer Modell ist wegen unterschiedlicher Rechts-, Handels- und Geografiestrukturen nicht unverändert übertragbar. Es zeigt aber, dass Krisenvorsorge auch Produktionsmittel, Verarbeitungsfähigkeit und verbindliche Reichweiten einbeziehen kann.

Die EU verfolgt seit 2025 eine umfassendere Bevorratungsstrategie. Sie betont eine Mindestvorsorge privater Haushalte von 72 Stunden sowie die Koordination von Lagerbeständen, Transportkapazitäten, öffentlich-privater Zusammenarbeit und zivil-militärischer Logistik.

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## 8. Ursachen

Die Problemlage entsteht aus einem Bündel miteinander verbundener Ursachen:

- technischer Fortschritt und Skaleneffekte,
- hohe Boden-, Bau-, Maschinen- und Energiekosten,
- geringe Margen bei standardisierten Produkten,
- Marktmacht großer Abnehmer,
- schwankende Weltmarktpreise,
- wechselnde Umwelt- und Tierhaltungsvorgaben,
- fehlende Planungssicherheit,
- demografische Alterung der Betriebsleitungen,
- schwierige Vereinbarkeit von Hof, Familie und Freizeit,
- niedrige Attraktivität abhängiger und saisonaler Arbeit,
- Spezialisierung und internationale Arbeitsteilung,
- geografisch begrenzte Erzeugungsmöglichkeiten für Obst, Gemüse und Ölfrüchte,
- Konzentration von Verarbeitung und Logistik,
- Klimawandel, Dürren, Starkregen und Wasserknappheit,
- sowie eine Notfallplanung, die lange vom Funktionieren normaler Transport-, Energie- und Marktstrukturen ausging.

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## 9. Staatliche Verantwortlichkeiten

Die Zuständigkeiten sind stark verteilt:

- **EU:** Gemeinsame Agrarpolitik, Binnenmarkt, Handelsregeln, Pflanzenschutz- und Lebensmittelrecht.
- **Bund:** GAP-Umsetzung, Agrarsozialpolitik, Steuerrecht, Tierhaltungskennzeichnung, Lebensmittelreserven und Versorgungssicherstellung.
- **Länder:** Landwirtschaftsverwaltung, Umweltvollzug, Wasserrecht, Teile der Tierhaltungskontrolle und Krisenbewältigung.
- **Landkreise und Gemeinden:** örtliche Gefahrenabwehr, Verteilung, Gemeinschaftsverpflegung, Wasser- und Verkehrsstrukturen.
- **Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung:** Einkauf, Lagerung, Rotation und Verwaltung der staatlichen Reserven.
- **Bundeskartellamt und Monopolkommission:** Kontrolle von Zusammenschlüssen und Wettbewerbsstrukturen.
- **Private Unternehmen:** Produktion, Verarbeitung, Lagerung, Transport, Kühlung und Verkauf.

Gerade im Krisenfall entsteht daraus ein Koordinationsproblem. Der Bund besitzt Vorräte, die Länder fordern ihre Freigabe an, während örtliche Stellen Transport, Verarbeitung und Verteilung organisieren müssen.

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## 10. Politische Entscheidungen und Wendepunkte

Wesentliche Entscheidungen waren:

- der deutsche GAP-Strategieplan 2023–2027 mit einem Finanzvolumen von 30,5 Milliarden Euro,
- die stärkere Bindung von Zahlungen an Umwelt- und Klimaleistungen,
- die zunächst beschlossene schrittweise Abschaffung der Agrardieselvergütung,
- deren Wiedereinführung ab 2026 mit geschätzten 430 Millionen Euro jährlicher Entlastung,
- die Einführung und wiederholte Verschiebung der verpflichtenden Tierhaltungskennzeichnung, zuletzt auf Januar 2027,
- der Umbau beziehungsweise die teilweise Verlagerung der Förderung für tiergerechtere Ställe,
- die Beibehaltung zweier staatlicher Lebensmittelreserven,
- sowie der Kabinettsbeschluss vom Juli 2026 zu Eckpunkten einer Modernisierung der Sicherstellungs- und Vorsorgegesetze.

Die Eckpunkte von 2026 sind noch kein Nachweis, dass ein neues System bereits gesetzlich beschlossen, finanziert, erprobt und einsatzbereit ist.

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## 11. Direkte Kosten

Zu unterscheiden sind mehrere, nicht vollständig additive Finanzströme:

- Deutscher GAP-Strategieplan 2023–2027: 30,5 Milliarden Euro.
- Im Bundeshaushalt 2026 ausgewiesene EU-Mittel des Europäischen Garantiefonds für die Landwirtschaft: rund 4,446 Milliarden Euro.
- Agrarsozialpolitik des Bundes 2026: knapp 4,2 Milliarden Euro.
- Wiedereingeführte Agrardieselvergütung: geschätzt 430 Millionen Euro jährlich.
- Staatliche Lebensmittelreserven: 24,715 Millionen Euro im Bundeshaushalt 2026, darunter rund 17,77 Millionen Euro Lagerkosten.
- Landwirtschaftliche Energie- und Schmierstoffkosten: für 2025 geschätzt 4,6 Milliarden Euro.
- Düngemittel und Bodenverbesserer: für 2025 geschätzt 2,7 Milliarden Euro.

Diese Zahlen messen unterschiedliche Dinge. Besonders die EU-Agrarzahlungen und das Mehrjahresvolumen des GAP-Plans dürfen nicht zusammengezählt werden.

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## 12. Indirekte und langfristige Kosten

Nicht zuverlässig zu einer einzigen Gesamtsumme aggregierbar sind:

- Betriebsaufgaben und Verlust regionaler Wertschöpfung,
- ungenutzte Investitionen bei wechselnden Vorgaben,
- Bodendegradation und Grundwasserbelastung,
- Kosten der Trinkwasseraufbereitung,
- Treibhausgas- und Biodiversitätsfolgen,
- Schäden durch Tierseuchen und Extremwetter,
- Abhängigkeit von wenigen Importländern und Logistikknoten,
- gesundheitliche und soziale Folgen hoher Lebensmittelpreise,
- Kosten eines Versorgungsausfalls bei Energie- oder Transportstörungen,
- sowie Lebensmittelverluste.

2023 fielen rund 10,9 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle an. Darin sind auch nicht essbare Bestandteile enthalten; die Menge darf daher nicht vollständig als vermeidbare Verschwendung interpretiert werden.

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## 13. Gewinner, Verlierer und Fehlanreize

**Potenzielle Gewinner:**

- kapitalkräftige Betriebe mit Skalenvorteilen,
- Unternehmen, die Boden oder vor- und nachgelagerte Stufen kontrollieren,
- große Handels- und Verarbeitungsgruppen,
- Betriebe, deren Produktionsform besonders hohe gekoppelte oder flächenbezogene Zahlungen erhält,
- Eigentümer knapper Agrarflächen.

**Potenzielle Verlierer:**

- junge Betriebsgründer ohne geerbten Boden,
- hoch verschuldete und investitionsintensive Tierhalter,
- kleinere Betriebe in Regionen ohne Verarbeitungskapazitäten,
- Saisonarbeitskräfte mit schwacher Verhandlungsposition,
- einkommensarme Haushalte,
- Verbraucher und Kommunen bei Versorgungsausfällen,
- Umwelt und künftige Generationen bei nicht eingepreisten Folgeschäden.

**Fehlanreize:**

- Flächenzahlungen können Boden- und Pachtpreise mit erhöhen.
- Krisenhilfen können notwendige Anpassungen verzögern, wenn sie dauerhaft strukturelle Verluste abdecken.
- Kurzfristig wechselnde Förderprogramme begünstigen Abwarten statt Investieren.
- Günstige Lebensmittelpreise können ökologische, soziale und Resilienz-Kosten ausblenden.
- Hohe Selbstversorgungsgrade einzelner Produkte können politische Sicherheit suggerieren, obwohl notwendige Vorprodukte importiert werden.

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## 14. Gegenargumente und Einordnung

**„Weniger Höfe bedeuten automatisch eine schlechtere Versorgung.“**  
Nicht zwingend. Produktion und Produktivität können trotz sinkender Betriebszahl stabil bleiben. Entscheidend sind Produktionskapazität, Wettbewerb, Eigentumsstruktur, Nachfolge und Resilienz.

**„Deutschland ist bei Lebensmitteln autark.“**  
Nur bei bestimmten Produkten und nur rechnerisch. Bei Obst, Gemüse, Fisch, Ölen, Eiweißfutter und einigen Betriebsmitteln bestehen erhebliche Abhängigkeiten.

**„Hohe Importe sind grundsätzlich ein Problem.“**  
Nein. Handel ermöglicht Auswahl, saisonalen Ausgleich und effizientere Produktion. Kritisch wird er bei einseitigen Abhängigkeiten, fehlenden Ersatzquellen oder gleichzeitigem Ausfall von Transport und Energie.

**„Die vier großen Handelsgruppen bilden ein wettbewerbsloses Kartell.“**  
Das ist nicht belegt. Das Bundeskartellamt sieht weiterhin Wettbewerb zwischen den Gruppen. Die Monopolkommission erkennt dennoch zunehmende Konzentration, höhere Aufschläge und strukturelle Verhandlungsmacht.

**„Agrarsubventionen sind vollständig wirkungslos.“**  
Nicht belegt. Sie stabilisieren Einkommen, finanzieren Umweltleistungen und sichern teilweise die Bewirtschaftung benachteiligter Regionen. Fraglich sind Zielgenauigkeit, Verteilung und Kapitalisierung in Pachtpreisen.

**„Die staatlichen Reserven sichern Deutschland monatelang.“**  
Dafür gibt es keine belastbare Grundlage. Der Bund nennt je nach Produkt und Ration Zeiträume von Tagen bis Wochen, nicht eine einheitliche Vollversorgung.

**„Deutschland steht kurz vor einer Hungersnot.“**  
Dafür besteht keine belastbare Evidenz. Die Bundesreserven mussten bislang weder während der Pandemie noch nach dem Ahrhochwasser eingesetzt werden.

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## 15. Daten- und Wissenslücken

Es fehlen öffentlich oder konsistent:

- aktuelle Gesamtmengen der staatlichen Reserven,
- belastbare Reichweiten nach realistischen Krisenszenarien,
- regionale Verteilung, Verarbeitungs- und Transportkapazitäten,
- Ergebnisse bundesweiter Stresstests der Lebensmittelversorgung,
- konsolidierte Eigentümer- und Kontrollstrukturen bei Agrarflächen,
- vollständige Erfassung sogenannter Share Deals,
- Herkunftskonzentration kritischer Saatgut-, Pflanzenschutz- und Düngemittel,
- betriebliche Einkommensverteilung hinter den Durchschnittswerten,
- regionale Notstromfähigkeit von Mühlen, Kühlhäusern, Molkereien und Lagern,
- Ausweichmöglichkeiten bei längerem Strom-, IT- oder Treibstoffausfall,
- und eine konsistente gesamtwirtschaftliche Bewertung der Folgekosten.

Sensible Lagerstandorte müssen nicht öffentlich gemacht werden. Aggregierte Mengen, Reichweiten und Stresstestergebnisse könnten jedoch ohne Preisgabe einzelner Standorte veröffentlicht werden.

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## 16. Reformoptionen

1. **Resilienzbilanz statt bloßer Selbstversorgungsquote**  
   Regelmäßig ausweisen: Lebensmittel, Vorprodukte, Herkunftskonzentration, Lagerbestände, Transport-, Energie- und Verarbeitungskapazitäten.

2. **Modernisierung der staatlichen Reserven**  
   Ergänzung um verzehrfertige Lebensmittel, Produkte für Säuglinge, Pflegebedürftige und Menschen mit medizinischen Ernährungsanforderungen.

3. **Verbindliche Krisenlogistik**  
   Vorabverträge mit Transporteuren, Mühlen, Bäckereien, Großküchen und Lagern sowie abgesicherte Treibstoff- und Notstromversorgung.

4. **Regelmäßige Übungen**  
   Bund, Länder, Kommunen, THW, Bundeswehr und Lebensmittelwirtschaft sollten reale Verarbeitungs- und Verteilungsszenarien durchspielen.

5. **Mehr Transparenz bei Agrarflächen**  
   Bessere Erfassung wirtschaftlich Berechtigter, Unternehmensgruppen und Share Deals.

6. **Hofnachfolge und Neueinstieg erleichtern**  
   Beratungsprogramme, außerfamiliäre Übergabemodelle, Beteiligungsmodelle und Zugang zu Flächen und Kapital.

7. **Agrarförderung zielgenauer gestalten**  
   Zahlungen stärker an öffentliche Leistungen, Krisenresilienz und nachweisbare Umweltwirkungen binden.

8. **Planungssicherheit beim Stallumbau**  
   Technische Standards, Förderung, Übergangsfristen und Tierhaltungskennzeichnung langfristig aufeinander abstimmen.

9. **Wettbewerb entlang der gesamten Kette stärken**  
   Zusammenschlusskontrolle nicht nur im Einzelhandel, sondern auch bei Verarbeitung, Vorleistungen und vertikaler Integration.

10. **Importquellen diversifizieren**  
    Besonders bei
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