Dossier V
Armut, Erwerbsarmut, Wohnungslosigkeit und blockierte soziale Mobilität
Registereinträge dieses Dossiers Im Register filtern
Vollständigen Originaltext anzeigen (53.586 Zeichen, unverändert · Nachricht 4940)
# Dossier V – Armut, Erwerbsarmut, Wohnungslosigkeit und blockierte soziale Mobilität ## 1. Kernaussage Deutschland verfügt über einen ausgebauten Sozialstaat und liegt bei der allgemeinen Armutsgefährdung ungefähr im europäischen Mittelfeld. Dennoch bestehen vier strukturelle Defizite: 1. **Große Reichweite:** 2025 waren 13,34 Millionen Menschen beziehungsweise 16,1 Prozent der Bevölkerung relativ einkommensarm. 17,52 Millionen beziehungsweise 21,2 Prozent waren von mindestens einer Form von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. [Destatis](https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/02/PD26_039_63.html) 2. **Konzentration und Verfestigung:** Arbeitslose, Alleinerziehende, Alleinlebende, Menschen mit geringer Bildung sowie Teile der Bevölkerung mit Einwanderungsgeschichte tragen wesentlich höhere Risiken. Aufstiege aus unteren sozialen Lagen sind seltener als aus der Mitte. 3. **Wohnen als Armutsverstärker:** Armutsgefährdete Menschen verwendeten 2025 durchschnittlich 43,7 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Wohnkosten; bei 35 Prozent überschritten die Wohnkosten sogar 40 Prozent des Einkommens. [Destatis](https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Wohnen/Tabellen/eurostat-anteil-ueberbelastung-wohnkosten-mz-silc.html) 4. **Existenzielle Wohnungsnot:** Zum 31. Januar 2026 waren 452.900 Personen ohne eigenen mietvertraglich gesicherten Wohnraum untergebracht. Straßenobdachlose und verdeckt Wohnungslose sind in dieser Zahl nicht enthalten. Der umfassendere Wohnungslosenbericht bezifferte die Zahl für 2024 – nach Abzug möglicher Doppelzählungen – auf rund 531.600. [Destatis](https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/06/PD26_222_229.html?nn=2110), [Wohnungslosenbericht 2024](https://dserver.bundestag.de/btd/20/145/2014550.pdf) **Gesamturteil:** Der Sozialstaat verhindert in erheblichem Umfang absolute Not und senkt die Einkommensungleichheit. Er verhindert aber weder relative Armut noch deren Verfestigung zuverlässig. Besonders schwach sind präventive Hilfen vor Wohnungsverlust, die tatsächliche Inanspruchnahme bestehender Leistungen und der Aufstieg aus dauerhaft benachteiligten Lebenslagen. Evidenzkennzeichnung: - **[F]** amtlich oder durch Primärquelle belegt - **[A]** aus mehreren Befunden abgeleitete Analyse - **[O]** offen beziehungsweise nicht hinreichend belegt --- ## 2. Definition und Abgrenzung ### Armutsgefährdung Eine Person gilt nach EU-Konvention als armutsgefährdet, wenn ihr bedarfsgewichtetes verfügbares Haushaltseinkommen unter 60 Prozent des Medians liegt. Die Schwelle lag 2025 bei: - 1.446 Euro netto monatlich für eine alleinlebende Person, - 3.036 Euro für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren. Die 2025 erhobenen Einkommen beziehen sich überwiegend auf das Einkommensjahr 2024. Diese Kennzahl misst **relative Einkommensarmut**, nicht Hunger, Obdachlosigkeit oder ein amtlich festgelegtes Existenzminimum. Wenn das mittlere Einkommen steigt, kann auch die Armutsschwelle steigen. ### AROPE „Armut oder soziale Ausgrenzung“ liegt vor, wenn mindestens eines von drei Kriterien erfüllt ist: - relative Einkommensarmut, - erhebliche materielle und soziale Entbehrung, - Leben in einem Haushalt mit sehr niedriger Erwerbsintensität. Die drei Gruppen überlappen sich. Sie dürfen nicht addiert werden. ### Erwerbsarmut Erwerbsarmut bezeichnet Personen, die trotz eigener Erwerbstätigkeit in einem Haushalt unterhalb der Armutsrisikoschwelle leben. Entscheidend sind nicht nur der Stundenlohn, sondern ebenso: - Arbeitszeit, - Beschäftigungsdauer, - Haushaltsgröße, - Einkommen weiterer Haushaltsmitglieder, - Wohnkosten und - Transfers. ### Wohnungs- und Obdachlosigkeit - **Untergebracht wohnungslos:** kein eigener mietrechtlich gesicherter Wohnraum, aber kommunale, freie, gewerbliche oder sonstige Unterbringung. - **Ohne Unterkunft:** Leben auf der Straße, in Zelten, Fahrzeugen oder Behelfsunterkünften. - **Verdeckt wohnungslos:** vorübergehendes Unterkommen bei Freunden, Bekannten oder Angehörigen ohne eigene rechtliche Absicherung. - **Obdachlosigkeit** wird häufig enger für Menschen ohne Unterkunft verwendet; **Wohnungslosigkeit** umfasst alle drei Gruppen. ### Doppelzählungsabgrenzung Nicht erneut als neue Probleme gezählt werden: - hohe Mieten und fehlender Wohnungsbau als solche: bereits im Wohnungsdossier, - Bürgergeldregeln, Sanktionen und Arbeitsvermittlung: bereits im Sozialleistungsdossier, - allgemeiner Niedriglohnsektor und Teilzeit: bereits im Arbeitsmarktdossier, - Altersarmut: bereits im Rentendossier, - Integrations- und Bildungsdefizite von Zugewanderten: bereits in den jeweiligen Dossiers, - gesundheitliche Ungleichheit: nur insoweit, wie sie spezifische Folge oder Ursache von Armut beziehungsweise Wohnungslosigkeit ist. --- ## 3. Teilprobleme ### V1. Anhaltend hohe relative Einkommensarmut 2025 waren rund 13,34 Millionen Menschen beziehungsweise 16,1 Prozent der Bevölkerung armutsgefährdet. 2024 waren es 15,5 Prozent. [F] Seit 2020 schwankte die vergleichbare EU-SILC-Quote zwischen 14,4 und 16,1 Prozent. Eine klare dauerhafte Verringerung ist nicht erkennbar. [Destatis-Zeitreihe](https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Einkommen-Konsum-Lebensbedingungen/Lebensbedingungen-Armutsgefaehrdung/Tabellen/arope-armut-ausgrenz-zvgl.html) ### V2. Mehrdimensionale soziale Ausgrenzung 2025 waren 21,2 Prozent der Bevölkerung von mindestens einem AROPE-Kriterium betroffen: - 16,1 Prozent relative Einkommensarmut, - 5,6 Prozent erhebliche materielle und soziale Entbehrung, - 10,3 Prozent sehr niedrige Erwerbsintensität des Haushalts. Bei 5,4 Prozent trafen zwei Kriterien zu, bei 1,4 Prozent alle drei. [F] ### V3. Materielle und soziale Entbehrung Rund 4,6 Millionen Menschen waren 2025 erheblich materiell und sozial depriviert. Die Quote sank gegenüber 2023 von 6,9 auf 5,6 Prozent, lag aber weiter über den 4,4 Prozent des Jahres 2020. [F] 20,9 Prozent konnten sich keinen jährlichen einwöchigen Urlaub leisten; 11,1 Prozent nicht jeden zweiten Tag eine Mahlzeit mit angemessener Proteinzufuhr. Diese Einzelindikatoren bedeuten für sich noch keine „erhebliche Deprivation“, die mindestens sieben von 13 Kriterien voraussetzt. [Destatis](https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Einkommen-Konsum-Lebensbedingungen/Lebensbedingungen-Armutsgefaehrdung/Tabellen/entbehrung-zvgl.html) ### V4. Fehlende finanzielle Rücklagen 31,9 Prozent der Bevölkerung lebten 2025 in Haushalten, die eine größere unerwartete Ausgabe nicht aus eigenen Mitteln tragen konnten. 4,6 Prozent waren mit Strom-, Gas- oder anderen Versorgungsrechnungen im Rückstand. [F] [Destatis](https://www.destatis.de/Europa/DE/Thema/Bevoelkerung-Arbeit-Soziales/Soziales-Lebensbedingungen/Kein_Geld.html) Das betrifft weit mehr Menschen als die offiziell Armutsgefährdeten und zeigt eine breite finanzielle Verwundbarkeit oberhalb der Armutsschwelle. ### V5. Armut trotz Erwerbstätigkeit Nach den Mikrozensusdaten 2025 waren 8,8 Prozent der Erwerbstätigen armutsgefährdet. Unter Erwerbstätigen ohne Einwanderungsgeschichte lag die Quote bei 6,8 Prozent, unter Erwerbstätigen mit Einwanderungsgeschichte bei 13,7 Prozent. [F] [Destatis](https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Migration-Integration/Tabellen/migrationshintergrund-armutsgefaehrdung.html) Der Siebte Armuts- und Reichtumsbericht dokumentiert für seine ältere Vergleichsperiode ein deutlich höheres Risiko bei Teilzeitbeschäftigten als bei Vollzeitbeschäftigten. Erwerbstätigkeit reduziert das Armutsrisiko stark, garantiert aber insbesondere bei niedriger Stundenzahl, großen Haushalten oder nur einem Erwerbseinkommen keine Armutsfreiheit. [F/A] ### V6. Extrem hohes Armutsrisiko bei Arbeitslosigkeit 64,9 Prozent der Personen mit überwiegendem Erwerbsstatus „arbeitslos“ waren 2025 armutsgefährdet. Arbeitslosigkeit bleibt der stärkste einzelne Risikofaktor. [F] Das widerlegt einerseits die Behauptung, Transfers stellten Arbeitslose regelmäßig materiell besser als Erwerbstätige. Andererseits ist die Quote kein Beweis dafür, dass jede konkrete Transferhöhe angemessen oder jeder Arbeitsanreiz optimal ausgestaltet ist. ### V7. Sehr niedrige Erwerbsintensität ganzer Haushalte 10,3 Prozent der relevanten Bevölkerung lebten 2025 in Haushalten, deren tatsächliche Erwerbsbeteiligung weniger als 20 Prozent der potenziell möglichen Erwerbsbeteiligung betrug. 2020 waren es 8,3 Prozent. [F] Ursachen können Arbeitslosigkeit, Krankheit, Behinderung, fehlende Betreuung, Pflegeverantwortung, Qualifikationsdefizite oder eine Kombination mehrerer Faktoren sein. ### V8. Hohes Armutsrisiko Alleinerziehender 2025 waren 28,9 Prozent der Menschen in Alleinerziehendenhaushalten armutsgefährdet. Bei Paarhaushalten mit Kindern waren es 12,0 Prozent. [F] [Destatis](https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Einkommen-Konsum-Lebensbedingungen/Lebensbedingungen-Armutsgefaehrdung/Tabellen/armutsgef-typ-2-zvgl.html) Hauptmechanismen sind: - nur ein potenzielles Erwerbseinkommen, - eingeschränkte Arbeitszeiten, - Betreuungsengpässe, - ausbleibender oder unregelmäßiger Unterhalt, - höhere Wohnkosten je erwachsener Person. ### V9. Überdurchschnittliche Armut Alleinlebender 30,3 Prozent der Alleinlebenden waren 2025 armutsgefährdet. Damit war das Risiko fast dreimal so hoch wie bei Paaren ohne Kinder. [F] Deutschland hat zudem einen hohen und wachsenden Anteil Alleinlebender: 2024 lebten rund 17 Millionen Menschen allein, 21,8 Prozent mehr als 2004. [Destatis](https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/07/PD25_N036_12.html) Einpersonenhaushalte können Miete, Energie, Versicherungen und Haushaltsausstattung nicht auf mehrere Personen verteilen. ### V10. Kinderarmut und Weitergabe von Nachteilen Aus den EU-SILC-Endergebnissen ergeben sich für 2025: - rund 3,38 Millionen Minderjährige mit AROPE-Risiko, entsprechend 23,5 Prozent, - rund 2,31 Millionen armutsgefährdete Minderjährige, entsprechend 16,0 Prozent. [F/eigene Quotientenberechnung] [GENESIS](https://genesis.destatis.de/datenbank/online/statistic/12241/table/12241-0006) Der Siebte Armuts- und Reichtumsbericht zeigt den zentralen Einfluss der elterlichen Erwerbsintegration: - ohne Erwerbseinkommen der Eltern: rund 64 Prozent Armutsrisiko, - ein Teilzeiteinkommen: rund 37 Prozent, - ein Vollzeiteinkommen: rund 16 Prozent, - Vollzeit plus Teilzeit: rund fünf Prozent, - zwei Vollzeiteinkommen: 3,4 Prozent. [Siebter Armuts- und Reichtumsbericht](https://www.armuts-und-reichtumsbericht.de/DE/Bericht/Der-siebte-Bericht/Der-Bericht/der-bericht.html) Armut beeinträchtigt nicht zwangsläufig jedes Kind dauerhaft. Sie erhöht aber die Wahrscheinlichkeit schlechterer Wohn-, Bildungs-, Gesundheits- und Teilhabechancen. ### V11. Geringe Bildung als Armuts- und Mobilitätsfalle Der Siebte Armuts- und Reichtumsbericht weist – je nach Datenquelle – für Menschen mit geringer Bildung Armutsrisikoquoten von etwa 26 bis 33 Prozent aus, gegenüber etwa sieben bis neun Prozent bei hoher Bildung. Der Zusammenhang hat sich verstärkt. [F] Damit reproduziert das stark herkunftsabhängige Bildungssystem Einkommens- und Statusunterschiede. Dieser Mechanismus wird hier nur als Mobilitätsfolge gezählt; die schulischen Ursachen bleiben im Bildungsregister. ### V12. Armutsgefälle nach Einwanderungsgeschichte 2025 lag die Armutsgefährdungsquote bei: - 12,3 Prozent ohne Einwanderungsgeschichte, - 24,8 Prozent mit Einwanderungsgeschichte, - 33,5 Prozent bei selbst Eingewanderten ohne deutsche Staatsangehörigkeit. [F] Der Abstand lässt sich nicht allein durch Herkunft erklären. Maßgeblich sind unter anderem Aufenthaltsdauer, Sprachkenntnisse, Bildungsabschlüsse, Anerkennung von Qualifikationen, Haushaltsgröße, Erwerbsbeteiligung und die Art der Beschäftigung. ### V13. Wohnkosten verschärfen Einkommensarmut 2025 verwendete die Gesamtbevölkerung durchschnittlich 24,1 Prozent des verfügbaren Einkommens für Wohnkosten. Bei armutsgefährdeten Menschen waren es 43,7 Prozent. 35 Prozent der armutsgefährdeten Bevölkerung lebten in Haushalten, die nach Abzug wohnungsbezogener Transfers mehr als 40 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Wohnen ausgaben. [F] ### V14. Zunehmende Überbelegung 11,7 Prozent der Bevölkerung lebten 2025 in einer nach EU-Definition überbelegten Wohnung, gegenüber 10,2 Prozent im Jahr 2020. Besonders betroffen waren: - Minderjährige: 19,0 Prozent, - armutsgefährdete Menschen: 27,4 Prozent, - Alleinerziehende mit Kindern: 29,6 Prozent, - Erwachsene mit ausländischer Staatsangehörigkeit: 30,8 Prozent. [Destatis](https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/05/PD26_N030_63.html) ### V15. Nichtinanspruchnahme zustehender Leistungen Ein Teil anspruchsberechtigter Menschen beantragt Bürgergeld, Grundsicherung im Alter, Wohngeld, Kinderzuschlag oder Bildungs- und Teilhabeleistungen nicht. Ältere Mikrosimulationsstudien kommen je nach Leistung, Methode und Abgrenzung zu sehr unterschiedlichen Nichtinanspruchnahmequoten von etwa 37 bis über 80 Prozent. Diese Werte sind nicht als aktuelle einheitliche Quote verwendbar. [F] Als Ursachen benennt die vom BMAS beauftragte Forschung: - komplizierte Anträge, - fehlendes Wissen, - geringe erwartete Leistung, - Scham und Stigmatisierungsangst, - schlechte Erfahrungen mit Behörden, - Unsicherheit über die eigene Berechtigung, - Sorge vor Rückforderungen. [BMAS-Begleitstudie](https://www.armuts-und-reichtumsbericht.de/SharedDocs/Downloads/Service/06-isg-nichtinanspruchnahme.html) ### V16. Verfestigte Armut und „sticky floors“ Der Sechste und Siebte Armuts- und Reichtumsbericht zeigen, dass die meisten Menschen zwar in stabilen mittleren Lagen leben und Deutschland keine allgemeine „Abstiegsgesellschaft“ ist. Problematisch ist jedoch die zunehmende Dauerhaftigkeit der untersten sozialen Lage: Aufstiege aus Armut sind seltener geworden. [F] [BMAS](https://www.armuts-und-reichtumsbericht.de/DE/Service/Meldungen/Meldungen/sechster-armuts-und-reichtumsbericht.html) Armut wirkt dabei kumulativ: geringere Rücklagen machen Krankheit, Trennung, Arbeitsverlust oder unerwartete Kosten schwerer verkraftbar. ### V17. Begrenzte intergenerationale Mobilität Die OECD ordnete Deutschland in ihrer international vergleichenden Mobilitätsanalyse trotz moderater Einkommensungleichheit bei der intergenerationalen Einkommensmobilität unterdurchschnittlich ein. Die verwendeten deutschen Daten sind allerdings älter und erlauben keine exakte Aussage über den Stand 2026. [F mit Aktualitätseinschränkung] [OECD](https://www.oecd.org/en/publications/broken-elevator-how-to-promote-social-mobility_9789264301085-en.html) Aktuell belastbarer ist der Befund, dass Bildung, Erwerbsstatus und soziale Lage der Eltern die Chancen der Kinder weiterhin deutlich beeinflussen. ### V18. Geschlechts- und Sorgearbeitsfolgen für den Aufstieg Geburt, Trennung und Sorgearbeit verändern Erwerbsbeteiligung und Einkommen von Frauen im Durchschnitt deutlich stärker als von Männern. Das Armutsrisiko konzentriert sich besonders bei Alleinerziehenden und Haushalten mit nur einem Erwerbseinkommen. Dies ist kein eigenständiges „Frauenarmutsproblem“, sondern das Zusammenwirken von Betreuung, Arbeitszeit, Steuer- und Transfersystem sowie Unterhaltsausfällen. ### V19. Regionale Armutsballung und soziale Segregation Die AROPE-Quote 2025 reichte von: - 15,9 Prozent in Bayern, - 18,1 Prozent in Baden-Württemberg, - bis 35,4 Prozent in Bremen. Bremen wies zugleich 27,5 Prozent relative Einkommensarmut und 22,7 Prozent sehr niedrige Erwerbsintensität auf. [F] [Destatis](https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Einkommen-Konsum-Lebensbedingungen/Lebensbedingungen-Armutsgefaehrdung/Tabellen/arope-bundeslaender.html) Bei Regionalvergleichen ist zu unterscheiden: - Bundesmedian: misst die Lage relativ zum gesamtdeutschen Einkommen, - Landesmedian: misst Ungleichheit innerhalb des Landes. ### V20. 452.900 untergebrachte wohnungslose Menschen Zum 31. Januar 2026 waren 452.910 Personen wegen Wohnungslosigkeit untergebracht. Gegenüber 2025 sank die Zahl um fünf Prozent. [F] Der Rückgang ist positiv, bedeutet aber keine Halbierung oder grundlegende Trendwende. Die Statistik besteht erst seit 2022, ihre Meldequalität hat sich verändert, und sie enthält viele anerkannte Schutzberechtigte, denen noch kein eigener Mietvertrag zur Verfügung steht. ### V21. Straßen- und Behelfsobdachlosigkeit Für Februar 2024 schätzte die Bundesregierung rund 47.300 Menschen ohne Unterkunft. Diese Gruppe lebte auf der Straße oder in Behelfsunterkünften. [F] Sie ist wegen Erreichbarkeits- und Definitionsproblemen besonders schwer vollständig zu erfassen. Die Zahl ist eine Hochrechnung, keine Vollerhebung. ### V22. Verdeckte Wohnungslosigkeit Für 2024 wurden rund 60.400 verdeckt Wohnungslose geschätzt. Sie lebten ohne eigenen Mietvertrag bei Angehörigen, Freunden oder Bekannten. [F] Diese Gruppe bleibt in der jährlichen Destatis-Unterbringungsstatistik unsichtbar und ist für Hilfesysteme häufig schwer erreichbar. ### V23. Langfristige Notunterbringung statt Übergangslösung Untergebrachte Wohnungslose befanden sich 2024 zum Erhebungszeitpunkt im Durchschnitt bereits 122 Wochen in ihrer aktuellen Unterbringung. - Deutsche Wohnungslose: durchschnittlich 181 Wochen, - nichtdeutsche Wohnungslose: 112 Wochen, - Unterbringung durch Gemeinden: durchschnittlich 132 Wochen. [F] Eine Unterbringung von durchschnittlich mehr als zwei Jahren ist kein kurzfristiger Notbehelf mehr, sondern faktisch ein paralleles, häufig teures Ersatzwohnungssystem. ### V24. Mietschulden und unzureichende Prävention Unter den 2024 befragten Menschen ohne Unterkunft oder in verdeckter Wohnungslosigkeit nannten: - 36,8 Prozent Mietschulden, - 14,6 Prozent das Ende eines arbeitsgebundenen Mietverhältnisses, - 14,2 Prozent Trennung oder Scheidung, - 11,9 Prozent Inhaftierung, - 7,1 Prozent Krankheit als Grund des Wohnungsverlusts. Mehrfachnennungen beziehungsweise unterschiedliche Kategorien sind zu beachten. [F] Wohnungsverlust ist damit häufig das Ergebnis einer Kette aus Einkommensausfall, Lebensereignis, Mietrückstand und zu später Intervention. ### V25. Barrieren beim Rückweg in den Wohnungsmarkt Wohnungslose konkurrieren auf angespannten Märkten mit vielen anderen Bewerbern. Zusätzlich fehlen häufig: - Kaution und Rücklagen, - aktuelle Ausweisdokumente, - positive Bonitätsnachweise, - vollständige Unterlagen, - eine erreichbare Anschrift, - Vermieterbereitschaft bei Mietschulden oder Unterstützungsbedarf. 53 Prozent der in einer zitierten partizipativen Studie Befragten berichteten Diskriminierung bei der Wohnungssuche aufgrund ihrer Wohnungslosigkeit. [Wohnungslosenbericht](https://dserver.bundestag.de/btd/20/145/2014550.pdf) ### V26. Gewalt- und Gesundheitsrisiken 48 Prozent der Menschen ohne Unterkunft und 36 Prozent der verdeckt Wohnungslosen bewerteten ihre Gesundheit als weniger gut oder schlecht. Seit Beginn ihrer Wohnungslosigkeit hatten: - 67 Prozent der Menschen ohne Unterkunft, - 39 Prozent der verdeckt Wohnungslosen Gewalt erlebt. Unter Frauen mit Gewalterfahrung berichteten 27 Prozent sexuelle Belästigung, Übergriffe oder Vergewaltigung. [F] Wohnungslosigkeit ist damit nicht lediglich ein Mangel an Wohnfläche, sondern eine erhebliche Gesundheits- und Sicherheitsgefährdung. ### V27. Familien- und Kinderwohnungslosigkeit Von den 452.910 untergebrachten Wohnungslosen im Januar 2026 waren: - etwa 28 Prozent minderjährig, - rund 41 Prozent unter 25 Jahre alt. [F/eigene Berechnung aus Destatis-Tabelle] Wohnungslosigkeit ist daher nicht überwiegend ein Phänomen alleinstehender älterer Männer. Familien, Kinder und Alleinerziehende bilden einen erheblichen Teil der Untergebrachten. ### V28. Schutzberechtigte bleiben in Unterkünften hängen 385.690 beziehungsweise rund 85 Prozent der 2026 untergebrachte … (Ansicht gekürzt; der gespeicherte Text ist vollständig)