Dossier AI
Ernährung, Bewegung, Übergewicht, Diabetes und vermeidbare chronische Erkrankungen
Stand: 24. August 2026
Problemregister: DE-821 bis DE-840
Gesamtstand: 840 dokumentierte Problemkomplexe
Registereinträge dieses Dossiers Im Register filtern
Vollständigen Originaltext anzeigen (60.415 Zeichen, unverändert · Nachricht 8367)
# Dossier AI – Ernährung, Bewegung, Übergewicht, Diabetes und vermeidbare chronische Erkrankungen **Stand:** 24. August 2026 **Problemregister:** DE-821 bis DE-840 **Gesamtstand:** 840 dokumentierte Problemkomplexe ## Methodischer Schlüssel - **[F] Fakt:** unmittelbar durch die angegebene Quelle belegt. - **[M] Modell:** Ergebnis einer Simulation oder Gegenrechnung, kein beobachteter Effekt. - **[I] Inferenz:** aus mehreren Befunden abgeleitete Bewertung. - **[U] Unsicherheit:** Ergebnis hängt wesentlich von Messmethode, Datenalter oder Kausalannahmen ab. --- ## 1. Kernschlussfolgerung Deutschland hat kein bloßes Informationsproblem über gesunde Ernährung und Bewegung, sondern ein dauerhaftes Umsetzungs-, Umgebungs- und Versorgungsproblem. Mehr als die Hälfte der Erwachsenen ist nach Selbstauskunft übergewichtig; rund ein Fünftel ist adipös. Nur 26,3 % erfüllen gleichzeitig die Empfehlungen für Ausdauer- und Muskelaktivität. Bei Kindern erreichen lediglich rund 26 % die tägliche Bewegungsempfehlung und 14 % die Empfehlung von fünf Portionen Obst und Gemüse. Rund sieben Millionen Erwachsene leben mit Diabetes; jährlich kommen mehr als 500.000 dokumentierte Neuerkrankungen hinzu. [F] Diese Belastung ist sozial ungleich verteilt. Adipositas, Ernährungsunsicherheit, Bewegungsmangel, unerkannter Diabetes und Folgekomplikationen konzentrieren sich überproportional bei Menschen mit niedriger Bildung, geringem Einkommen, ungünstigen Wohn- und Arbeitsbedingungen oder eingeschränktem Zugang zu Prävention und Behandlung. [F] Zugleich besteht ein erhebliches Messproblem: Die letzten bundesweit repräsentativen körperlichen Messungen von Gewicht, Blutzucker und Blutdruck bei Erwachsenen stammen überwiegend aus 2008–2011; die letzten umfassenden gemessenen Kinderdaten aus 2014–2017. Aktuellere Befragungen und Routinedaten können diese Lücke nur teilweise schließen. [F] Politisch existieren zahlreiche Strategien, Programme und freiwillige Selbstverpflichtungen. Es fehlen jedoch häufig verbindliche Gesundheitsziele, flächendeckende Qualitätsstandards, wirksame Kontrollen, sozial ausgerichtete Umsetzung und ein zeitnahes Wirkungsmonitoring. [I] Die stärksten Hebel liegen deshalb nicht allein bei individueller Beratung, sondern in: 1. gesünderen Ernährungs- und Bewegungsumgebungen, 2. verbindlichen Standards in öffentlich finanzierter Verpflegung, 3. besserer Regulierung von Kinderwerbung und Produktzusammensetzung, 4. bewegungsfreundlicher Verkehrs- und Stadtplanung, 5. früher Erkennung metabolischer Risiken, 6. flächendeckender Adipositas- und Diabetesversorgung, 7. sozialer Absicherung gesunder Ernährung, 8. aktueller, wiederholter Untersuchungssurveillance. --- ## 2. Definition und Abgrenzung Das Dossier umfasst: - Ernährungsqualität und Ernährungsunsicherheit, - Obst-, Gemüse-, Zuckergetränke-, Salz- und energiedichte Lebensmittel, - Gemeinschafts- und Systemgastronomie, - körperliche Aktivität, Muskeltraining, Sitzen und aktive Mobilität, - Übergewicht und Adipositas, - Prädiabetes und Diabetes mellitus, vor allem Typ 2, - metabolisch mitbedingten Bluthochdruck, - Unter- und Mangelernährung in Kliniken und Pflegeeinrichtungen, - wesentliche Folgeerkrankungen und gesundheitsökonomische Belastungen, - staatliche Präventions-, Regulierungs- und Versorgungsdefizite. Nicht erneut als eigenständige Schäden gezählt werden: - psychische Erkrankungen und Suchterkrankungen aus Dossier AH, - allgemeine Armut als bereits registriertes sozialpolitisches Problem, - Verkehrsinfrastruktur als eigenes Hauptproblem, - sämtliche Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen als vollständig ernährungsbedingt, - Arbeitsausfälle und Pflegekosten, sofern sie bereits anderen Krankheitsdossiers zugerechnet wurden. Adipositas, Ernährung, Bewegungsmangel, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen bilden eine **Risikokette mit Überschneidungen**. Ihre Kosten dürfen daher nicht einfach addiert werden. --- ## 3. Die 20 zentralen Teilprobleme ### DE-821 – Hohe und langfristig gestiegene Adipositasprävalenz bei Erwachsenen 2023 bezeichneten sich in RKI-Befragungsdaten 19,7 % der Erwachsenen anhand von Größe und Gewicht als adipös; 2003/04 waren es altersstandardisiert 12,2 %. Bei Männern lag die Quote 2023 bei 21,2 %, bei Frauen bei 18,2 %. [F] Da Selbstangaben Gewicht regelmäßig unterschätzen, ist die tatsächliche Prävalenz wahrscheinlich höher. [I/U] ### DE-822 – Hohes kindliches Übergewicht mit starkem Sozialgradienten In KiGGS 2014–2017 waren 15,4 % der Kinder und Jugendlichen übergewichtig, darunter 5,9 % adipös. Gegenüber 2003–2006 trat keine weitere statistisch klare Zunahme auf; das hohe Niveau verfestigte sich jedoch. Kinder mit niedrigem Sozialstatus waren ungefähr viermal so häufig adipös wie Kinder mit hohem Status. [F] ### DE-823 – Veraltete körperliche Untersuchungssurveillance Die zentrale gemessene Erwachsenenstudie DEGS1 stammt aus 2008–2011, die letzte umfassende KiGGS-Untersuchungswelle aus 2014–2017. Aktuelle Befragungen beruhen häufig auf Selbstangaben; Routinedaten bilden hauptsächlich diagnostizierte und behandelte Personen ab. [F] Damit fehlen zeitnahe, populationsrepräsentative Messwerte unter anderem zu BMI, Taillenumfang, Blutdruck, HbA1c und unerkannten Erkrankungen. [I] ### DE-824 – Unzureichende Ernährungsqualität 2019 konsumierten nur 34,8 % der Erwachsenen täglich sowohl Obst als auch Gemüse; dies ist bereits ein schwächerer Maßstab als die Empfehlung von fünf Portionen. Bei Kindern und Jugendlichen erreichten 2014–2017 nur rund 14 % fünf Portionen täglich. [F] Positive Trends bei Gemüse und rückläufigem rotem Fleisch ändern nichts daran, dass alle Einkommensgruppen im Mittel deutlich von mehreren DGE-Empfehlungen abweichen. [F] ### DE-825 – Hohe Belastung durch Zuckergetränke und energiedichte Angebote 2019 tranken 12,2 % der Erwachsenen täglich zuckerhaltige Erfrischungsgetränke; bei Männern waren es 16,5 %, bei Frauen 7,8 %. In der unteren Bildungsgruppe lag der Anteil bei 16,2 %, in der oberen bei 6,3 %. [F] Bei Kindern tranken rund 20 % täglich Zuckergetränke; 51 % konsumierten mehr als eine Portion Süßigkeiten oder Snacks am Tag. In einer DGE-Studie überschritten 63–80 % der gewählten Speisenkombinationen aus Systemgastronomie Richtwerte für Energie, Fett, Zucker oder Salz. [F] ### DE-826 – Ernährungsunsicherheit und soziale Zugangsbarrieren In der nicht bevölkerungsrepräsentativen MEGA_kids-Stichprobe armutsgefährdeter Familien waren 22,4 % innerhalb von 30 Tagen von moderater oder starker Ernährungsunsicherheit betroffen; 68,9 % der Eltern berichteten soziale Ernährungsunsicherheit. [F/U] Deutschland verfügt bisher über keine regelmäßige repräsentative Gesamtmessung materieller und sozialer Ernährungsarmut. [F] ### DE-827 – Unter- und Mangelernährung in Kliniken und Pflegeheimen In nutritionDay-Daten 2019–2022 waren unter 1.755 teilnehmenden Krankenhauspatienten 14 % untergewichtig, 24 % hatten unbeabsichtigt mehr als 5 % Gewicht verloren und 21 % erfüllten Kriterien schwerer Mangelernährung. In teilnehmenden Pflegeheimen waren 23 % der 2.864 Bewohner untergewichtig. [F/U] Die Stichproben sind nicht für alle Einrichtungen repräsentativ, zeigen aber ein relevantes, häufig übersehenes Versorgungsproblem. [F] ### DE-828 – Bewegungsmangel bei Erwachsenen 2019/20 erfüllten 48,0 % die Ausdauerempfehlung, 36,3 % die Muskelkräftigungsempfehlung und nur 26,3 % beide Empfehlungen. [F] Damit reicht die verbreitete Aussage, „etwa die Hälfte bewege sich genug“, nicht aus: Sie erfasst häufig nur einen Teil der Bewegungsempfehlung. ### DE-829 – Bewegungsmangel bei Kindern und Jugendlichen Nur rund 26 % der 3- bis 17-Jährigen erreichten 2014–2017 mindestens 60 Minuten Bewegung täglich. Bei Mädchen waren es 22,4 %, bei Jungen 29,4 %. Die Quote nimmt mit dem Alter deutlich ab. [F] Dies deutet auf strukturelle Defizite in Schule, Freizeit, Mobilität und kommunaler Infrastruktur hin, nicht nur auf fehlende Motivation einzelner Kinder. [I] ### DE-830 – Lange Sitzzeiten und unzureichende aktive Mobilität 2019 saßen 19,5 % der Erwachsenen mindestens acht Stunden am Tag; bei Männern waren es 22,3 %, bei Frauen 16,7 %. Etwa ein Fünftel verband mindestens vier Stunden tägliches Sitzen mit fehlender Freizeitaktivität. [F] Arbeitsorganisation, Verkehrsstruktur, lange Wege, Autoverkehr und mangelnde sichere Rad- und Fußverbindungen beeinflussen diese Exposition. [I] ### DE-831 – Große und weiter nachwachsende Diabeteslast Rund sieben Millionen Erwachsene leben laut RKI mit bekanntem oder unerkanntem Diabetes. Mehr als 500.000 Erwachsene erhalten jährlich neu eine dokumentierte Diagnose; rund 93 % der Fälle entfallen auf Typ-2-Diabetes. Etwa ein Drittel der Menschen ab 80 Jahren hat dokumentierten Diabetes. [F] ### DE-832 – Prädiabetes, unerkannte Fälle und unvollständige Früherkennung In den letzten gemessenen repräsentativen Daten von 2008–2011 hatten 20,8 % der 18- bis 79-Jährigen einen Prädiabetes. Zusätzlich zu 7,2 % bekanntem Diabetes wurden 2,0 % unerkannte Diabetesfälle festgestellt. [F/U] 2018 hatten nur 47,3 % der anspruchsberechtigten gesetzlich Versicherten innerhalb von zwei Jahren am damaligen Check-up 35 teilgenommen. Die Daten sind alt und die Anspruchsintervalle wurden inzwischen geändert. [F/U] ### DE-833 – Diabeteskomplikationen und Versorgungslücken Unter Erwachsenen mit Diabetes berichtet das RKI unter anderem: - mehr als 35 % mit Herz-Kreislauf-Erkrankung, - rund 75 % mit erhöhtem Blutdruck, - rund 15 % mit Nierenfunktionsstörung, - 13,5 % mit diabetischer Polyneuropathie, - rund 6 % mit diabetischem Fußsyndrom. [F] Nur ungefähr zwei Drittel nehmen die empfohlenen regelmäßigen augenärztlichen Kontrollen wahr. Im nordrhein-westfälischen DMP lag die Netzhautuntersuchung innerhalb von 24 Monaten 2021 bei 64,1 % und damit deutlich unter dem dortigen Ziel von 90 %. [F] ### DE-834 – Vermeidbare Amputationen und starke regionale Unterschiede 2022 wurden 5.702 große Amputationen bei Männern und 2.084 bei Frauen registriert. Die Rate betrug 16,2 beziehungsweise 5,7 je 100.000 Einwohner. Bei Männern reichte sie beispielsweise von 7,7 in Hamburg bis 34,5 in Mecklenburg-Vorpommern. [F] Die höheren Raten in stärker deprivierten Regionen sprechen für einen Mix aus höherer Krankheitslast, später Erkennung und unterschiedlichen Versorgungsbedingungen. [I] ### DE-835 – Unzureichend etablierte Adipositasversorgung Adipositas ist eine chronische Erkrankung, wird aber noch häufig als individuelles Verhaltensversagen behandelt. Das Disease-Management-Programm Adipositas wurde 2023 beschlossen; seine Anforderungen gelten seit Juli 2024. Die tatsächlichen regionalen Programme und Versorgungsangebote müssen jedoch durch Krankenkassen, Ärzteschaft und Vertragspartner umgesetzt werden und stehen nicht automatisch überall zur Verfügung. [F] ### DE-836 – Bluthochdruck- und Salzbelastung bei veralteter Datenlage In DEGS1 2008–2011 hatte ungefähr ein Drittel der Erwachsenen Bluthochdruck. Die mediane Natriumaufnahme lag bei Männern bei 3,9 Gramm und bei Frauen bei 3,3 Gramm pro Tag – deutlich oberhalb der damaligen Empfehlung von 2,4 Gramm. [F/U] Aktuelle repräsentative Messdaten zur unerkannten Hypertonie und tatsächlichen Natriumausscheidung fehlen. ### DE-837 – Nicht flächendeckend verbindliche Standards der Gemeinschaftsverpflegung Rund 16 Millionen Menschen werden täglich durch Gemeinschaftsverpflegung erreicht. DGE-Qualitätsstandards für Kitas, Schulen, Betriebe, Kliniken, Pflegeheime und „Essen auf Rädern“ existieren, sind aber nicht überall rechtlich verbindlich oder ausreichend finanziert. [F] Damit bleibt ein großer staatlich oder öffentlich finanzierter Präventionshebel ungleich genutzt. ### DE-838 – Unvollständige Regulierung von Werbung und Produktzusammensetzung Die Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie setzt wesentlich auf freiwillige Produktreformulierung. Bei relevanten Erfrischungsgetränken sank der gewichtete mittlere Zuckergehalt von 6,2 Gramm je 100 Milliliter 2018 auf 5,3 Gramm 2024. Über sämtliche Erhebungswellen zeigte sich jedoch nicht in allen Produktgruppen eine durchgängige Verbesserung. [F] Die angekündigte Begrenzung gesundheitsbelastender Lebensmittelwerbung gegenüber Kindern erreichte bis zum Ende der 20. Wahlperiode weder Kabinettsbeschluss noch parlamentarisches Gesetzgebungsverfahren. [F] ### DE-839 – Hohe chronische Krankheits- und Kostenlast 2024 starben 339.212 Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen und 230.392 an Krebs; zusammen waren dies 56,5 % aller Todesfälle. Der altersstandardisierte Krebstod ging langfristig zurück, während die absolute Fallzahl durch Alterung stieg. [F] 2023 entstanden statistisch zugeordnete direkte Krankheitskosten von: - 64,559 Milliarden Euro für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, - 9,685 Milliarden Euro für Diabetes, - 1,230 Milliarden Euro für Adipositasdiagnosen. [F] Diese Beträge überschneiden sich teilweise kausal und dürfen nicht additiv als „Kosten schlechter Ernährung“ ausgegeben werden. ### DE-840 – Fragmentierte Prävention bei wachsendem demografischem Druck Deutschland verfügt über IN FORM, eine Ernährungsstrategie, eine Diabetesstrategie, Bewegungsinitiativen, Präventionsleistungen und DMPs. Zuständigkeiten verteilen sich jedoch auf Bund, Länder, Kommunen, Sozialversicherungen, Bildungseinrichtungen und Wirtschaft. Verbindliche gemeinsame Ergebnisziele fehlen häufig. [I] Die OECD modelliert, dass bei unveränderten Risiken allein Alterung und längeres Überleben bis 2050 die Zahl der Menschen mit mindestens zwei nichtübertragbaren Erkrankungen um 65 % erhöhen könnten. Dies ist eine Modellprojektion, keine sichere Prognose. [M] --- ## 4. Zentrale Kennzahlen | Indikator | Wert | Zeitraum | Einordnung | |---|---:|---|---| | Übergewicht einschließlich Adipositas, Erwachsene | 53,5 % | 2019/20 | Selbstangabe | | Adipositas, Erwachsene | 19,0 % | 2019/20 | Selbstangabe | | Adipositas, Erwachsene | 19,7 % | 2023 | Altersstandardisierte Befragungsreihe | | Adipositas 2003/04 | 12,2 % | 2003/04 | Vergleichbare Befragungsreihe | | Übergewicht, Kinder/Jugendliche | 15,4 % | 2014–2017 | Gemessene KiGGS-Daten | | Adipositas, Kinder/Jugendliche | 5,9 % | 2014–2017 | Gemessene KiGGS-Daten | | Erwachsene mit täglichem Obst und Gemüse | 34,8 % | 2019 | Nicht gleichbedeutend mit fünf Portionen | | Kinder mit mindestens fünf Portionen | 14 % | 2014–2017 | Befragungsdaten | | Tägliche Zuckergetränke, Erwachsene | 12,2 % | 2019 | Starker Bildungsgradient | | Erfüllte Ausdauerempfehlung, Erwachsene | 48,0 % | 2019/20 | ≥150 Minuten/Woche | | Erfüllte Kraftempfehlung, Erwachsene | 36,3 % | 2019/20 | Muskeltraining | | Beide Bewegungsempfehlungen | 26,3 % | 2019/20 | Strenger Gesamtindikator | | Bewegungsempfehlung, Kinder | 26 % | 2014–2017 | ≥60 Minuten täglich | | Mindestens acht Stunden Sitzen | 19,5 % | 2019 | Erwachsene | | Menschen mit Diabetes | rund 7 Mio. | RKI-Überblick 2025 | Bekannt und unerkannt | | Neue dokumentierte Diabetesfälle | >500.000/Jahr | RKI-Überblick 2025 | Ausgangsdaten teilweise älter | | Prädiabetes | 20,8 % | 2008–2011 | Gemessene, aber alte Daten | | Große Amputationen | 7.786 | 2022 | Männer und Frauen zusammen | | Direkte Diabeteskosten | 9,685 Mrd. € | 2023 | Krankheitskostenrechnung | | Direkte Adipositaskosten | 1,230 Mrd. € | 2023 | Nur explizit zugeordnete Diagnosen | | Direkte Herz-Kreislauf-Kosten | 64,559 Mrd. € | 2023 | Nicht vollständig ernährungsbedingt | | Gesamte Krankheitskosten | 491,6 Mrd. € | 2023 | Referenzgröße | --- ## 5. Historische Entwicklung ### Seit den frühen 2000er-Jahren - Die selbstberichtete Adipositasprävalenz stieg von 12,2 % in 2003/04 auf 18,8 % in 2019/20 und 19,7 % in 2023. [F] - Bei Kindern nahm die Prävalenz zwischen KiGGS-Basiserhebung 2003–2006 und 2014–2017 nicht weiter signifikant zu, blieb aber auf hohem Niveau. [F] - Der Konsum einiger gesundheitlich ungünstiger Produkte – darunter rotes Fleisch, Süßwaren und Erfrischungsgetränke – ging in Agrarstatistiken zurück; Gemüse und einzelne pflanzliche Lebensmittel nahmen zu. [F] - Diese Verbrauchsbilanzen bilden Marktverfügbarkeit, Verluste und statistische Verwendungen ab, nicht die tatsächlich gegessene Menge einzelner Menschen. [U] - Die altersstandardisierte Krebssterblichkeit sank zwischen 2004 und 2024 von 322,4 auf 273,5 je 100.000 Einwohner. Die absolute Zahl der Krebstodesfälle stieg dennoch durch die Alterung. [F] - Diabetes bleibt trotz Prävention, besserer Behandlung und sinkender einzelner Risiken eine große und durch Alterung wachsende Versorgungslast. [F/I] ### Politischer Verlauf - **2008:** Start des nationalen Aktionsplans IN FORM. - **2015:** Präventionsgesetz stärkt Leistungen von Kranken- und Pflegekassen, ohne ein einheitliches bundesweites Gesundheitsfolgenregime zu schaffen. - **2018:** Beginn der Nationalen Reduktions- und Innovationsstrategie, überwiegend freiwillig. - **2020:** Bundestagsbeschluss zur nationalen Diabetesstrategie. - **2022–2025:** Runder Tisch Bewegung und nachfolgende Bewegungsförderungsaktivitäten. - **2023/24:** Beschluss und Inkrafttreten der DMP-Anforderungen für Adipositas. - **2024:** Kabinettsbeschluss der Ernährungsstrategie mit rund 90 Maßnahmen und langfristigem Horizont. - **Bis 2025:** Keine verabschiedete gesetzliche Kinderwerberegulierung aus dem angekündigten Vorhaben. - **2026:** Weiterhin gemischte Resultate der freiwilligen Produktreformulierung. Das Grundmuster lautet: zahlreiche Initiativen, aber selten ein durchgängiger Zyklus aus verbindlichem Ziel, Finanzierung, Umsetzung, Kontrolle und Sanktion. --- ## 6. Regionale und soziale Unterschiede ### Soziale Lage - Adipositas bei Erwachsenen: 26,8 % in der niedrigen, 17,5 % in der mittleren und 10,8 % in der hohen Bildungsgruppe. [F] - Kinder aus Familien mit niedrigem Sozialstatus sind etwa viermal häufiger adipös als Kinder mit hohem Status. [F] - Tägliche Zuckergetränke: 16,2 % bei niedriger gegenüber 6,3 % bei hoher Bildung. [F] - Bekannter und unerkannter Diabetes treten in niedrigen Bildungsgruppen häufiger auf. [F] - 2023 waren 16,6 % der Erwachsenen und 20,7 % der Minderjährigen armutsgefährdet. [F] ### Länderunterschiede - In älteren Diabetes-Routinedaten lagen ostdeutsche Länder häufig über Stadtstaaten und süddeutschen Ländern. Alter, Deprivation und Versorgungsstruktur erklären einen Teil, aber nicht sämtliche Unterschiede. [F/I] - Große Amputationen bei Männern 2022: 34,5 je 100.000 in Mecklenburg-Vorpommern und 32,6 in Sachsen-Anhalt gegenüber 7,7 in Hamburg. [F] - Teilnahme am Check-up 2018: Bei Frauen beispielsweise 63,7 % in Bremen gegenüber 36,7 % in Baden-Württemberg; bei Männern 55,1 % gegenüber 32,9 %. [F] - Armutsrisiko 2023: 28,8 % in Bremen gegenüber 12,8 % in Bayern. [F] Die Länderwerte belegen Unterschiede, aber nicht automatisch die Ursache. Altersstruktur, Codierung, GKV-Anteil, Urbanität, Einkommensstruktur und medizinische Versorgung müssen berücksichtigt werden. --- ## 7. Internationaler Vergleich Nach dem OECD-Länderprofil 2025: - Lebenserwartung Deutschland: 81,1 Jahre, ungefähr OECD-Durchschnitt. - Vermeidbare Sterblichkeit: 129 je 100.000 gegenüber 145 im OECD-Mittel. - Behandelbare Sterblichkeit: 66 gegenüber 77. - Selbstberichtete Adipositas: 17 % gegenüber 19 %. - Gesundheitsausgaben: 12,3 % des BIP. - Präventionsausgaben: 4,8 % der laufenden Gesundheitsausgaben gegenüber 3,4 % im OECD-Mittel. [F] Die OECD weist nur 15 % körperlich unzureichend Aktive aus, während das RKI feststellt, dass 52 % die Ausdauerempfehlung und 73,7 % die kombinierte Empfehlung nicht erfüllen. Das ist kein direkter Widerspruch: Frageformulierung, Aktivitätsbereiche, Altersgruppen und Schwellenwerte unterscheiden sich. [U] Deutschland hat somit im internationalen Vergleich keine außergewöhnlich schlechte Gesamtposition bei vermeidbarer Sterblichkeit, aber: - hohe Gesundheitsausgaben, - große absolute chronische Krankheitslast, - erhebliche soziale Ungleichh … (Ansicht gekürzt; der gespeicherte Text ist vollständig)