Dossier AQ
Arbeitsmarkt, Beschäftigung, Arbeitslosigkeit, Fachkräfteengpässe, Löhne und prekäre Arbeit
Stand: 24. August 2026
Registerbereich: DE-1045 bis DE-1088
Evidenzschlüssel: [F] amtliche/empirische Feststellung · [M] Modell/Projektion · [I] begründete Schlussfolgerung · [U] wesentliche Unsicherheit
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## Dossier AQ – Arbeitsmarkt, Beschäftigung, Arbeitslosigkeit, Fachkräfteengpässe, Löhne und prekäre Arbeit **Stand:** 24. August 2026 **Registerbereich:** DE-1045 bis DE-1088 **Evidenzschlüssel:** **[F]** amtliche/empirische Feststellung · **[M]** Modell/Projektion · **[I]** begründete Schlussfolgerung · **[U]** wesentliche Unsicherheit ### 1. Kernbefund Deutschland hat keinen einheitlichen „Arbeitskräftemangel“, sondern gleichzeitig fünf verschiedene Arbeitsmarktprobleme: 1. Die Beschäftigung sinkt inzwischen leicht und die registrierte Arbeitslosigkeit liegt wieder über drei Millionen. 2. Mehr als eine Million Menschen sind langzeitarbeitslos, häufig ohne verwertbaren Berufsabschluss. 3. Unternehmen suchen weiterhin qualifizierte Kräfte in bestimmten Berufen, während ein großer Teil der Arbeitslosen nur Helfertätigkeiten sucht. 4. Ein beträchtlicher Teil des vorhandenen Arbeitskräftepotenzials wird wegen Betreuungslücken, Steuer- und Transfersystem, fehlender Barrierefreiheit, Anerkennungsverfahren und regionaler Immobilität nicht ausgeschöpft. 5. Beschäftigung schützt nicht zuverlässig vor Niedriglohn, Erwerbsarmut, Lohnungleichheit oder fehlender Interessenvertretung. Damit können Rekordbeschäftigung beziehungsweise eine hohe Erwerbstätigenquote, konjunkturelle Arbeitslosigkeit, berufsspezifische Engpässe und Niedriglohn gleichzeitig bestehen. --- ### 2. Abgrenzung und Begriffe - **Registrierte Arbeitslose:** Personen, die weniger als 15 Stunden arbeiten, eine versicherungspflichtige Beschäftigung suchen, verfügbar und bei Agentur oder Jobcenter gemeldet sind. - **ILO-Erwerbslose:** international vergleichbares Befragungskonzept; deshalb nicht direkt mit der BA-Zahl gleichzusetzen. - **Unterbeschäftigung:** registrierte Arbeitslose plus unter anderem Teilnehmende an arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen und kurzfristig Arbeitsunfähige. Sie darf nicht zur Arbeitslosigkeit addiert werden. - **Offene Stellen:** Die IAB-Stellenerhebung umfasst auch nicht bei der BA gemeldete Stellen; BA-Stellen und IAB-Stellenangebot dürfen nicht summiert werden. - **Fachkräfteengpass:** berufsspezifische, mehrdimensionale Diagnose. Er ist weder mit jeder offenen Stelle noch mit einem allgemeinen Arbeitskräftemangel identisch. - **Teilzeit:** nicht automatisch prekär. Problematisch wird sie insbesondere, wenn sie unfreiwillig, betreuungsbedingt, schlecht bezahlt oder ohne realistische Aufstockungsmöglichkeit ist. - **Atypische Beschäftigung:** statistische Kategorie aus Befristung, Leiharbeit, geringfügiger Beschäftigung oder kurzer Teilzeit; sie ist nicht in jedem Einzelfall prekär. - **Niedriglohn:** Bruttostundenverdienst unter zwei Dritteln des Medianverdienstes. --- ### 3. Zentrale Teilprobleme #### A. Konjunktur, Beschäftigung und Arbeitslosigkeit 1. **Beschäftigungswende:** Im Juni 2026 waren 45,71 Millionen Menschen erwerbstätig, 225.000 weniger als ein Jahr zuvor. Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung lag im Mai mit 34,83 Millionen um 69.000 unter dem Vorjahreswert. 2. **Mehr als drei Millionen registrierte Arbeitslose:** Im Juli 2026 waren 3,007 Millionen Menschen arbeitslos; die Quote betrug 6,4 %. Saisonbereinigt stieg die Zahl gegenüber Juni um 6.000. 3. **Größere Unterauslastung als die Arbeitslosenzahl zeigt:** Die Unterbeschäftigung lag bei 3,645 Millionen. 4. **Schwache Arbeitskräftenachfrage:** Das IAB ermittelte im ersten Quartal 2026 rund 1,15 Millionen offene Stellen – 42 % weniger als auf dem Höchststand im vierten Quartal 2022. 5. **Schlechtere Übergangschancen:** 2025 erreichte die Chance, Arbeitslosigkeit durch eine Beschäftigungsaufnahme zu beenden, laut BA einen historischen Tiefstand. 6. **Langzeitarbeitslosigkeit verfestigt sich:** Im gleitenden Jahresdurchschnitt Oktober 2024 bis September 2025 waren 1,021 Millionen Menschen langzeitarbeitslos; 261.000 davon bereits mindestens vier Jahre. 7. **Industrie- und Transformationsrisiko:** Beschäftigungszuwächse entstehen vor allem in Dienstleistungsbereichen, während produzierendes Gewerbe und Bau Beschäftigung verlieren. #### B. Passungsprobleme und Fachkräfteengpässe 8. **Qualifikatorischer Mismatch:** Ende 2025 entfielen nur rund 24 % der offenen Stellen auf Tätigkeiten ohne Berufsabschluss. Gleichzeitig suchten rund 2,23 Millionen beziehungsweise 48 % der Arbeitsuchenden eine Helfertätigkeit. 9. **Berufsspezifische statt allgemeine Knappheit:** Die BA stellte 2025 Engpässe in 157 Berufsgattungen fest, nach 163 im Jahr 2024 und 183 im Jahr 2023. In zahlreichen anderen Berufen übersteigt das Angebot die Nachfrage. 10. **Pflege und Gesundheit:** Engpässe bestehen weiterhin in Pflege- und medizinischen Berufen. Ursachen sind Demografie, Arbeitsbedingungen, Schichtarbeit, Teilzeit, Fluktuation und regional unterschiedliche Finanzierung. 11. **Bau und Handwerk:** Infrastruktur-, Wohnungsbau-, Energie- und Klimaziele konkurrieren um dieselben qualifizierten Beschäftigten. 12. **Erziehung und Sozialarbeit:** Erzieherinnen, Erzieher, Sozialarbeiter und Sozialpädagogen sind Engpassberufe. Das verschärft wiederum Betreuungslücken, die andere Erwerbspersonen vom Arbeitsmarkt fernhalten. 13. **Verkehr, Gastronomie und Versorgung:** Berufskraftfahrer und Köche zählen weiterhin zu den Engpassberufen; belastende Arbeitszeiten und Entlohnung sind Teil des Rekrutierungsproblems. 14. **Demografischer Ersatzbedarf:** In einem mittleren Destatis-Szenario sinkt die Bevölkerung zwischen 20 und 66 Jahren bis 2035 trotz eines langfristigen Wanderungssaldos von 350.000 jährlich um 3,2 Millionen. Ohne Nettozuwanderung wären es rund 6,2 Millionen. Das sind **Wenn-dann-Szenarien**, keine Vorhersagen. 15. **Regionale Alterung:** Ostdeutschland ist wegen Geburteneinbruch und früherer Abwanderung jüngerer Menschen besonders betroffen. 16. **Transformationsmismatch:** Digitalisierung, KI, Dekarbonisierung, Verteidigungs- und Infrastrukturinvestitionen verändern Berufsprofile schneller als Aus- und Weiterbildungssysteme reagieren. #### C. Ungenutztes Arbeitskräftepotenzial 17. **Frauen arbeiten wesentlich häufiger Teilzeit:** 2025 arbeiteten 50,6 % der abhängig beschäftigten Frauen, aber nur 14,3 % der Männer in Teilzeit. Betreuung und Pflege sind wichtige Gründe. 18. **Steuerliche Zweitverdienerfalle:** Ehegattenbesteuerung, beitragsfreie Mitversicherung und Minijobregeln können die Ausweitung der Arbeitszeit des geringer verdienenden Partners unattraktiv machen. 19. **Ältere Beschäftigte:** Deutschland hat zwar eine hohe Erwerbstätigenquote der 55- bis 64-Jährigen von 75,3 %, doch gesundheitliche Belastungen, Arbeitsorganisation und mangelnde Weiterbildung erschweren einen längeren Verbleib. 20. **Menschen mit Schwerbehinderung:** Ihre vergleichbar abgegrenzte Arbeitslosenquote lag 2025 bei 12,0 %, gegenüber 7,6 % insgesamt. 21. **Zuwanderung ist tragend, Integration aber ungleich:** Das Beschäftigungswachstum der letzten Dekade wurde wesentlich von ausländischen Beschäftigten getragen. Gleichzeitig lag deren registrierte Arbeitslosenquote im Oktober 2025 bei 14,5 %. 22. **Anerkennungs- und Verfahrenshürden:** 2024 wurden rund 95.500 Anerkennungsverfahren erfasst. Die steigenden Fallzahlen zeigen Fortschritt, aber auch die Größe und administrative Bedeutung des Systems. #### D. Löhne, Arbeitsqualität und Interessenvertretung 23. **Niedriglohn bleibt verbreitet:** Im April 2024 lagen 16 % der Beschäftigungsverhältnisse unter der damaligen Niedriglohnschwelle von 13,79 Euro. Im Gastgewerbe waren es 52 %, in Land- und Forstwirtschaft/Fischerei 41 %. 24. **Erwerbsarmut:** 6,8 % der Erwerbstätigen waren 2025 armutsgefährdet. Beschäftigung ist damit ein starker, aber kein vollständiger Schutz vor Armut. 25. **Reallohnverluste nur knapp ausgeglichen:** Die Reallöhne stiegen 2025 um 1,9 %, lagen aber erst ungefähr wieder auf dem Niveau von 2019. 26. **Geschlechterlücke:** Der unbereinigte Gender Pay Gap betrug 2025 16 %, der statistisch bereinigte Abstand 6 %. Zusätzlich arbeiteten Frauen weniger bezahlte Stunden. 27. **Ost-West-Lohngefälle:** Vollzeitbeschäftigte verdienten 2024 im Osten im Median 3.539 Euro monatlich, im Westen 4.117 Euro – ein Abstand von 14 %. 28. **Lohngefälle nach Staatsangehörigkeit:** Der Median vollzeitbeschäftigter Deutscher betrug 2024 4.177 Euro, der ausländischer Beschäftigter 3.204 Euro. Unterschiede in Berufen, Qualifikation und Betriebsstruktur erklären einen Teil, aber nicht automatisch den gesamten Abstand. 29. **Schwache Tarifbindung:** 2024 arbeiteten 49 % der Beschäftigten in einem tarifgebundenen Unternehmen. Die Flächentarifbindung ist langfristig stark gesunken. 30. **Mitbestimmungslücke:** 48 % der privatwirtschaftlich Beschäftigten arbeiteten 2024 in Betrieben ohne Tarifbindung und ohne Betriebsrat. 31. **Minijobsegmentierung:** Im Mai 2026 bestanden 7,59 Millionen geringfügig entlohnte Beschäftigungen, davon 4,07 Millionen ausschließlich und 3,52 Millionen als Nebenjob. 32. **Befristete Neueinstellungen:** 2024 war etwa jede vierte sozialversicherungspflichtige Neueinstellung zunächst befristet. Der Anteil ist langfristig gesunken, bleibt für Berufseinsteiger und Personen mit schwacher Verhandlungsmacht aber relevant. 33. **Leiharbeit:** Im Juni 2025 gab es 622.000 sozialversicherungspflichtige Leiharbeitnehmer. Ihr Anteil ist gesunken, doch Beschäftigungsstabilität, Entgelt und Übergangsrisiken bleiben problematisch. 34. **Unbezahlte Mehrarbeit:** Beschäftigte leisteten 2025 durchschnittlich 15,6 unbezahlte Überstunden. --- ### 4. Kennzahlenübersicht | Kennzahl | Wert | Zeitraum | Einordnung | |---|---:|---|---| | Erwerbstätige | 45,71 Mio. | Juni 2026 | −225.000 zum Vorjahr | | Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte | 34,83 Mio. | Mai 2026 | −69.000 zum Vorjahr | | Registrierte Arbeitslose | 3,007 Mio. | Juli 2026 | Quote 6,4 % | | ILO-Erwerbslosenquote | 4,0 % | Juni 2026 | International vergleichbares Konzept | | Unterbeschäftigung | 3,645 Mio. | Juli 2026 | +28.000 zum Vorjahr | | Offene Stellen, IAB | 1,15 Mio. | Q1 2026 | −42 % gegenüber Q4 2022 | | Langzeitarbeitslose | 1,021 Mio. | 10/2024–09/2025 | 90 % im SGB II | | Mindestens vier Jahre arbeitslos | 261.000 | 10/2024–09/2025 | Besonders verfestigt | | Engpassberufe | 157 | 2025 | Kein allgemeiner Mangel | | Niedriglohnanteil | 16 % | April 2024 | Schwelle 13,79 €/h | | Tarifgebundene Beschäftigte | 49 % | 2024 | Branchen- oder Haustarif | | Mindestlohn | 13,90 €/h | seit 1.1.2026 | 14,60 € ab 2027 | | Erwerbstätigenquote 20–64 | 81,1 % | 2025 | EU-27: 76,1 % | | Erwerbslosenquote 20–64 | 3,8 % | 2025 | EU-27: 5,8 % | | Erwerbstätigenquote 55–64 | 75,3 % | 2025 | EU-27: 66,4 % | | Armutsgefährdung Erwerbstätiger | 6,8 % | 2025 | Einkommen des Vorjahres | | Schwerbehinderten-Arbeitslosenquote | 12,0 % | 2025 | Vergleichswert insgesamt 7,6 % | --- ### 5. Historische Entwicklung - **2005–2019:** Beschäftigungswachstum, arbeitsmarktpolitische Aktivierung, Export- und Dienstleistungswachstum sowie EU-Zuwanderung ließen Arbeitslosigkeit stark sinken. Gleichzeitig wuchsen zunächst Minijobs, Leiharbeit und ein großer Niedriglohnsektor. - **2015:** Einführung des gesetzlichen Mindestlohns. Niedriglohnanteile und Ost-West-Abstände am unteren Lohnrand gingen zurück. - **2020–2021:** Kurzarbeit stabilisierte während der Pandemie Beschäftigung; Übergänge und Neueinstellungen brachen zeitweise ein. - **2022:** Offene Stellen erreichten einen Höchststand von fast zwei Millionen. - **2022–2023:** Inflation führte zu deutlichen Reallohnverlusten. - **Seit 2023:** Konjunktur- und Industrieschwäche bremsen Beschäftigung und Personalnachfrage. - **2025/2026:** Beschäftigung stagniert beziehungsweise sinkt leicht; Arbeitslosigkeit und Versicherungsleistungen steigen. Engpässe bleiben in spezifischen Berufen bestehen. --- ### 6. Regionale Unterschiede - Die jahresdurchschnittliche Arbeitslosenquote 2025 reichte von **4,0 % in Bayern** bis **11,5 % in Bremen**; Berlin lag bei 10,3 %. - Ostdeutschland hat eine ungünstigere Altersstruktur und weniger Nachwuchsjahrgänge. - Die Lohnlücke zwischen Ost und West betrug 2024 noch 14 %, ist gegenüber 26 % im Jahr 2012 aber deutlich geschrumpft. - Tarifbindung und Betriebsratsabdeckung sind im Osten geringer. - Arbeitskräfteengpässe in ländlichen Räumen werden durch Wohnungs-, Verkehrs-, Gesundheits- und Betreuungsinfrastruktur mitbestimmt. - Hohe regionale Arbeitslosigkeit und lokale Fachkräfteengpässe können gleichzeitig vorkommen, wenn Beruf, Qualifikation, Wohnort und Arbeitsbedingungen nicht zusammenpassen. --- ### 7. Internationaler Vergleich Deutschland schneidet bei der **Beschäftigungsquote**, der **ILO-Erwerbslosigkeit** und der Beschäftigung Älterer besser ab als der EU-Durchschnitt. 2025 betrugen die Werte: - Erwerbstätigenquote 20–64: Deutschland 81,1 %, EU-27 76,1 %. - Erwerbslosenquote 20–64: Deutschland 3,8 %, EU-27 5,8 %. - Erwerbstätigenquote 55–64: Deutschland 75,3 %, EU-27 66,4 %. Schwächer ist Deutschland beim geleisteten Arbeitsvolumen je beschäftigter Person, insbesondere wegen hoher Teilzeitanteile. Die OECD weist außerdem für einen alleinstehenden Durchschnittsverdiener 2025 einen Steuer- und Abgabenkeil von 49,3 % aus – nach Belgien der zweithöchste Wert der OECD. **Bewertung:** Deutschlands Problem ist weniger eine außergewöhnlich niedrige Zahl beschäftigter Personen als eine ungleich verteilte Zahl von Arbeitsstunden, berufliche Fehlpassung und eine hohe Belastung regulärer Erwerbsarbeit. --- ### 8. Ursachen - Schwache gesamtwirtschaftliche Nachfrage und industrielle Standortprobleme. - Babyboomer-Ruhestand und kleine nachrückende Jahrgänge. - Fehlende oder nicht verwertete Berufsabschlüsse. - Langsame berufliche Neuqualifizierung während des Strukturwandels. - Unattraktive Löhne und Arbeitsbedingungen in einzelnen Engpassberufen. - Fehlende Ganztagsbetreuung und unzuverlässige Öffnungszeiten. - Steuer-, Transfer-, Minijob- und Mitversicherungsanreize gegen zusätzliche Arbeitsstunden. - Langwierige Visa-, Anerkennungs- und Ausländerbehördenverfahren. - Fehlende Barrierefreiheit und betriebliche Vorbehalte. - Wohnungsmangel und schwache Verkehrsverbindungen in Wachstumsregionen. - Sinkende Tarifbindung und fragmentierte Arbeitgeberstrukturen. - Dezentrale, institutionell geteilte Verantwortung für Qualifizierung und Integration. --- ### 9. Staatliche Verantwortung | Ebene | Verantwortung | |---|---| | Bund | Arbeits-, Tarif-, Mindestlohn-, Steuer-, Sozial-, Aufenthalts- und Einwanderungsrecht; Finanzierung von BA und SGB II; nationale Fachkräftestrategie | | Bundesagentur für Arbeit | Vermittlung, Berufsberatung, Arbeitslosengeld, Weiterbildung, Engpassanalyse, Arbeitgeberberatung | | Länder | Schulen, Hochschulen, Teile der Berufsbildung, Anerkennungsstellen, Aufsicht und öffentliche Arbeitgeber | | Kommunen/Jobcenter | Grundsicherung, Integration, Unterkunft, Kinderbetreuung, lokale Infrastruktur und teilweise Ausländerbehörden | | Arbeitgeber | Löhne, Arbeitsbedingungen, Ausbildung, Weiterbildung, Personalplanung, Inklusion und Vereinbarkeit | | Sozialpartner | Tarifverträge, Entgeltstrukturen, Arbeitszeit, Branchenqualifizierung | | EU | Freizügigkeit, Arbeitsmobilität, Mindeststandards und Teile der Migrationsregeln | **Verantwortungsurteil:** Der Staat trägt hohe Verantwortung für Regeln, Betreuung, Vermittlung, Qualifizierung und Verfahren. Er kann jedoch weder jedes betriebliche Personalproblem lösen noch niedrige Löhne und schlechte Personalplanung vollständig kompensieren. --- ### 10. Wesentliche politische Entscheidungen - Arbeitsmarktreformen und Neuordnung von SGB II/SGB III ab 2003–2005. - Arbeitnehmerfreizügigkeit und EU-Erweiterung. - Gesetzlicher Mindestlohn seit 2015. - Ausweitung und spätere Regulierung von Leiharbeit und Befristungen. - Fachkräfteeinwanderungsgesetz 2020 und Weiterentwicklung ab 2023. - Bürgergeldreform 2023 und erneute Umgestaltung der Grundsicherung 2026. - Übertragung der Weiterbildungsfinanzierung für SGB-II-Beziehende auf die BA ab 2025. - Mindestlohnerhöhung auf 13,90 Euro 2026 und 14,60 Euro 2027. - Geplanter Aufbau einer zentraleren „Work-and-Stay-Agentur“. --- ### 11. Direkte öffentliche Ausgaben - Die BA gab 2025 im SGB-III-Haushalt **52,04 Milliarden Euro** aus und verzeichnete ein Defizit von 4,23 Milliarden Euro. - Davon entfielen **26,47 Milliarden Euro** auf Arbeitslosengeld. - Der Bundeshaushalt 2025 veranschlagte rund **29,6 Milliarden Euro** für Bürgergeld, **13 Milliarden Euro** Bundesbeteiligung an Unterkunft und Heizung sowie rund **4,6 Milliarden Euro** für aktive Arbeitsmarktpolitik. Diese Beträge sind **keine vollständig vermeidbaren „Kosten der Arbeitslosigkeit“**. Grundsicherung umfasst auch Kinder, erwerbstätige Aufstocker und Personen mit eingeschränkter unmittelbarer Arbeitsmarktverfügbarkeit. Arbeitslosenversicherung erfüllt zudem eine Stabilisierungs- und Versicherungsfunktion. --- ### 12. Indirekte Kosten - Produktions- und Steuerausfälle bei ungenutzter Erwerbsfähigkeit. - Höhere Sozialbeiträge und geringere Finanzierungsbasis der Sozialversicherungen. - Verzögerte Infrastruktur-, Wohnungsbau-, Pflege- und Transformationsprojekte. - Verlust beruflicher Fähigkeiten bei langer Arbeitslosigkeit. - Gesundheits-, Armuts- und Teilhabefolgen. - Höhere Fluktuations- und Rekrutierungskosten der Unternehmen. - Geringere Innovations- und Investitionsfähigkeit bei fehlenden Spezialisten. - Langfristig niedrigere Rentenansprüche durch Niedriglohn, Teilzeit und Erwerbsunterbrechungen. Eine belastbare Gesamtsumme ist nicht verfügbar; vorhandene Schätzungen hängen stark von Gegenfaktum, Konjunktur und angenommener Produktivität ab. --- ### 13. Gewinner, Verlierer und Fehlanreize **Besonders betroffen:** Langzeitarbeitslose, Menschen ohne Abschluss, Alleinerziehende, Frauen mit Betreuungsaufgaben, Menschen mit Behinderung, Migranten mit nicht anerkannten Qualifikationen, Niedriglohnbeschäftigte und strukturschwache Regionen. **Relativ begünstigt:** Beschäftigte mit knappen Qualifikationen, tarifgebundene Kernbelegschaften und Unternehmen, die frühzeitig ausbilden und gute Arbeitsbedingungen bieten. **Problematische Anreize:** - Unternehmen können Ausbildungskosten externalisieren und anschließend über Fachkräftemangel klagen. - Minijobs können reguläre Arbeitszeitaufstockung behindern. - Ehegattenbesteuerung und beitragsfreie Mitversicherung belasten Zweitverdienste. - Befristung und Leiharbeit verlagern Anpassungsrisiken auf Beschäftigte. - Niedrige Löhne können Rekrutierungsprobleme erzeugen, die fälschlich nur als „Mangel an Menschen“ beschrieben werden. - Kurzarbeit kann sinnvolle Beschäftigung stabilisieren, bei dauerhaften Strukturproblemen aber notwendige Anpassungen verzögern. --- ### 14. Gegenargumente und Bewertung | Gegenargument | Bewertung | |---|---| | „Deutschland hat Vollbeschäftigung.“ | International ist die Lage relativ gut, aber drei Millionen registrierte Arbeitslose und über eine Million Langzeitarbeitslose widersprechen einer flächendeckenden Vollbeschäftigung. | | „Es gibt einen allgemeinen Arbeitskräftemangel.“ | Zu pauschal. Die BA findet 157 Engpassberufe, aber in vielen anderen Berufen ein Angebotsübergewicht. | | „Offene Stellen beweisen fehlende Arbeitsbereitschaft.“ | Nicht belegt. Qualifikation, Region, Lohn, Arbeitszeit und Betreuung bestimmen, ob eine Stelle tatsächlich erreichbar ist. | | „Teilzeit ist überwiegend unfreiwillig.“ | Falsch. Nur eine Minderheit gibt an, keine Vollzeitstelle gefunden zu haben. Betreuung, Pflege und eigene Präferenz bleiben dennoch politisch relevant. | | „Prekäre Beschäftigung nimmt überall zu.“ | Empirisch zu pauschal: Der Anteil atypischer Beschäftigung sank von 22,6 % im Jahr 2010 auf 17,2 % im Jahr 2024. | | „Befristungen explodieren.“ | Der Befristungsanteil bei Neueinstellungen lag 2024 mit 25 % auf einem langfristigen Tief, bleibt für einzelne Gruppen aber belastend. | | „Zuwanderung verdrängt deutsche Beschäftigte.“ | … (Ansicht gekürzt; der gespeicherte Text ist vollständig)