Dossier AR

Arbeitsbedingungen, Arbeitsschutz und arbeitsbedingte Gesundheit

Stand: 24. August 2026
Register: DE-1089 bis DE-1126
Gesamtregister: 1.126 Problempunkte

Registereinträge dieses Dossiers Im Register filtern

Vollständigen Originaltext anzeigen (31.441 Zeichen, unverändert · Nachricht 10195)
## Dossier AR – Arbeitsbedingungen, Arbeitsschutz und arbeitsbedingte Gesundheit

**Stand:** 24. August 2026  
**Register:** DE-1089 bis DE-1126  
**Gesamtregister:** 1.126 Problempunkte

### 1. Kernbefund

Deutschlands Arbeitsschutzsystem erzielt bei klassischen Arbeitsunfällen erhebliche Erfolge: Unfallhäufigkeit und tödliche Arbeitsunfälle liegen langfristig auf sehr niedrigem Niveau. Diese positive Entwicklung verdeckt jedoch eine Verschiebung der Belastungen:

- Muskel-Skelett-Erkrankungen, psychische Belastungen und lange Krankheitsausfälle bleiben enorm.
- Berufskrankheiten mit langer Latenz – insbesondere durch Asbest – verursachen weiterhin viele Todesfälle.
- Arbeitsintensität, unterbrochene Ruhezeiten, Nachtarbeit, Gewalt und Präsentismus werden durch Unfallstatistiken kaum erfasst.
- Rund ein Drittel der Betriebe führte 2023/24 nach eigener Angabe keine Gefährdungsbeurteilung durch.
- Kleine Betriebe, Bau, Landwirtschaft, Transport, Pflege, Sozial- und Gesundheitsberufe tragen überproportionale Risiken.
- Hitze, UV-Strahlung, mobile Arbeit und digitale Leistungssteuerung erzeugen neue oder verstärken bestehende Gefahren.

Die zentrale Fehlsteuerung besteht daher darin, Arbeitsschutz zu stark an sichtbaren Unfällen und zu wenig an langfristiger physischer und psychischer Gesundheit zu messen.

---

### 2. Abgrenzungen und Definitionen

Vier Größen dürfen nicht verwechselt werden:

1. **Arbeitsunfall:** zeitlich begrenztes, von außen wirkendes Ereignis während versicherter Tätigkeit.
2. **Wegeunfall:** Unfall auf einem versicherten Weg, typischerweise zwischen Wohnung und Arbeitsplatz.
3. **Berufskrankheit:** Erkrankung, die rechtlich in der Berufskrankheitenliste erfasst oder nach besonderen Voraussetzungen gleichgestellt ist und deren beruflicher Zusammenhang anerkannt wurde.
4. **Arbeitsunfähigkeit:** ärztlich festgestellte Erkrankung unabhängig davon, ob sie durch Arbeit verursacht wurde.

Daraus folgt:

- Krankheitsbedingte Ausfalltage sind **keine Messung arbeitsbedingter Erkrankungen**.
- Angezeigte Berufskrankheiten sind nicht mit anerkannten Fällen gleichzusetzen.
- DGUV-Zahlen ohne landwirtschaftliche Unfallversicherung sind nicht direkt mit den umfassenderen BMAS-/BAuA-Gesamtzahlen vergleichbar.
- Produktionsausfall und entgangene Bruttowertschöpfung sind alternative Modellrechnungen und dürfen nicht addiert werden.

---

### 3. Die wichtigsten Teilprobleme

#### Unfall- und Expositionsrisiken

1. Trotz Tiefständen ereignen sich weiterhin mehr als 800.000 meldepflichtige Arbeitsunfälle jährlich.
2. Jährlich sterben mehrere Hundert Menschen unmittelbar durch Arbeitsunfälle.
3. Wegeunfälle bleiben mit rund 176.000 Fällen ein großes eigenständiges Risiko.
4. Bau, Landwirtschaft, Transport und körperliche Berufe weisen besonders hohe Risiken auf.
5. Altlasten wie Asbest verursachen Jahrzehnte nach der Exposition noch Todesfälle.
6. Berufskrankheiten mit langer Latenz und multifaktoriellen Ursachen sind schwer nachzuweisen.
7. Hitze, UV-Strahlung und Extremwetter verschärfen Risiken im Freien und in schlecht gekühlten Räumen.
8. Lärm, Staub, Gefahrstoffe, Infektionserreger und ungünstige Körperhaltungen bleiben verbreitet.

#### Körperliche und psychische Gesundheit

9. Muskel-Skelett-Erkrankungen verursachen den größten einzelnen Anteil der Arbeitsunfähigkeitstage.
10. Langes Sitzen tritt gleichzeitig mit schwerer körperlicher Arbeit als Gesundheitsrisiko auf.
11. Psychische Diagnosen verursachen besonders lange einzelne Ausfallzeiten.
12. Multitasking, Unterbrechungen und hoher Zeitdruck sind weit verbreitet.
13. Pflege-, Sozial-, Gesundheits- und Bildungsberufe kombinieren Zeitdruck, emotionale Anforderungen und Personalmangel.
14. Nacht- und Schichtarbeit stören Schlaf, Regeneration und soziale Teilhabe.
15. Verkürzte Ruhezeiten und ständige Erreichbarkeit begrenzen die Erholung.
16. Präsentismus verlagert Krankheit vom Fehlzeitenregister in den Betrieb.

#### Gewalt, Organisation und Aufsicht

17. Mobbing betrifft einen relevanten Anteil der Beschäftigten.
18. Beschäftigte mit Publikums- oder Patientenkontakt erleben häufig verbale und teilweise körperliche Gewalt.
19. Sexuelle Belästigung bleibt wahrscheinlich untererfasst.
20. Gefährdungsbeurteilungen fehlen besonders häufig in kleinen Betrieben.
21. Psychische Belastungen werden selbst bei vorhandenen Gefährdungsbeurteilungen nicht immer einbezogen.
22. Die staatliche Aufsicht war über lange Zeit zwischen Ländern unterschiedlich intensiv.
23. Mobile Arbeit bringt Autonomiegewinne, aber auch ergonomische und entgrenzende Risiken.
24. Digitale Leistungssteuerung kann Arbeitsverdichtung, Überwachung und Kontrollverlust verstärken.

---

### 4. Zentrale Kennzahlen

Nach dem umfassenden BMAS-/BAuA-Bericht für 2024:

| Indikator | Wert |
|---|---:|
| Meldepflichtige Arbeitsunfälle | 810.399 |
| Arbeitsunfälle je 1.000 Vollarbeiter | 18,0 |
| Tödliche Arbeitsunfälle | 440 |
| Meldepflichtige Wegeunfälle | 175.560 |
| Angezeigte BK-Verdachtsfälle | 104.468 |
| Anerkannte Berufskrankheiten | 29.306 |
| Todesfälle infolge einer Berufskrankheit | 1.900 |
| Anteil asbestbedingter BK-Todesfälle | rund 65 % |
| Arbeitsunfähigkeitstage | 881,5 Mio. |
| Durchschnittliche AU-Tage | 20,8 |
| Ausgefallene Erwerbsjahre | rund 2,4 Mio. |
| Modellierter Produktionsausfall | 134 Mrd. € |
| Modellierter Bruttowertschöpfungsausfall | 227 Mrd. € |

Quelle: [BMAS/BAuA, SuGA 2024](https://www.baua.de/DE/Angebote/Publikationen/Berichte/Suga-2024.pdf?__blob=publicationFile&v=7).

Die vorläufigen DGUV-Zahlen für 2025 – ohne landwirtschaftliche Unfallversicherung – zeigen eine weitere Verbesserung:

- 730.598 meldepflichtige Arbeitsunfälle,
- 175.140 Wegeunfälle,
- 335 tödliche Arbeitsunfälle,
- 9.690 neue Arbeitsunfallrenten.

Quelle: [DGUV, vorläufiges Unfallgeschehen 2025](https://www.dguv.de/kompakt/ausgaben/2-2026/zahl-der-arbeitsunfaelle-sinkt-in-2025/index.jsp).

#### Arbeitsunfähigkeit nach Diagnosegruppe 2024

| Diagnosegruppe | AU-Tage | Anteil | Produktionsausfall |
|---|---:|---:|---:|
| Muskel-Skelett-Erkrankungen | 171,3 Mio. | 19,4 % | 26,1 Mrd. € |
| Atemwegserkrankungen | 159,2 Mio. | 18,1 % | 24,3 Mrd. € |
| Psychische und Verhaltensstörungen | 147,3 Mio. | 16,7 % | 22,5 Mrd. € |
| Verletzungen/Vergiftungen/Unfälle | 82,3 Mio. | 9,3 % | 12,5 Mrd. € |

Das sind **alle Krankheitsursachen**, nicht nur arbeitsbedingte Fälle.

#### Verbreitete Arbeitsbelastungen

- 64 % arbeiten häufig gleichzeitig an mehreren Aufgaben.
- 46 % erleben häufig Unterbrechungen.
- 43 % berichten starken Termin- oder Leistungsdruck.
- 31 % müssen häufig sehr schnell arbeiten.
- 15 % arbeiten häufig an ihrer Leistungsgrenze.
- 61 % sitzen mindestens eine Stunde ohne Unterbrechung.
- 46 % arbeiten häufig im Stehen.
- 26 % sind häufig Lärm ausgesetzt.
- 17 % heben oder tragen häufig schwere Lasten.
- 17 % arbeiten häufig mit infektiösem Material.

Frauen in Vollzeit berichteten häufiger als Männer über Multitasking, Zeitdruck, Unterbrechungen und Arbeiten an der Leistungsgrenze. Das belegt unterschiedliche Exposition, aber noch keine alleinige Ursache späterer Erkrankungen.

---

### 5. Historische Entwicklung

- **1996:** Das Arbeitsschutzgesetz etablierte den präventiven und risikobasierten Ansatz.
- **2013:** Psychische Belastungen wurden im Arbeitsschutzgesetz ausdrücklich hervorgehoben; die Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie nahm sie stärker auf.
- **2021:** Das Arbeitsschutzkontrollgesetz stärkte Mindeststandards, Datenaustausch und staatliche Kontrollen.
- **2023:** Deutschland ratifizierte das ILO-Übereinkommen 190 gegen Gewalt und Belästigung in der Arbeitswelt.
- **April 2025:** Rotatorenmanschettenschäden, quarzbedingte COPD/Lungenemphysem und bestimmte Kniearthrosen im Profifußball wurden neu in die Berufskrankheitenliste aufgenommen.
- **2026:** Für die Arbeitsschutzbehörden der Länder trat eine Mindestbesichtigungsquote von fünf Prozent in Kraft.

Parallel sank die Arbeitsunfallrate langfristig stark. Demgegenüber werden psychische, organisatorische und klimatische Risiken sichtbarer, ohne dass dies durchgehend eine reale Zunahme beweist: bessere Erfassung, medizinische Diagnostik und veränderte gesellschaftliche Wahrnehmung spielen ebenfalls eine Rolle.

---

### 6. Regionale Unterschiede

Die absoluten Unfallzahlen sind in großen, beschäftigungs- und industriestarken Ländern am höchsten. 2024 meldete der umfassende SuGA-Bericht beispielsweise:

- Nordrhein-Westfalen: 182.280 Arbeitsunfälle,
- Bayern: 135.068,
- Baden-Württemberg: 105.447,
- Niedersachsen: 82.605.

Das ist **kein Risikoranking**. Die Zahlen müssen mindestens um Beschäftigtenzahl, Arbeitszeit und Branchenstruktur bereinigt werden. Ein Land mit viel Bau, Industrie, Landwirtschaft oder Logistik ist nicht unmittelbar mit einem dienstleistungsorientierten Stadtstaat vergleichbar.

Bei tödlichen Unfällen erzeugen kleine Fallzahlen zudem starke jährliche Schwankungen. Die bisher uneinheitliche Kontrollintensität der Länder soll durch die seit Januar 2026 geltende Mindestbesichtigungsquote und ein länderübergreifendes Monitoring besser vergleichbar werden. [BAuA zur Bundesfachstelle und Mindestquote](https://www.baua.de/DE/Die-BAuA/Organisation/Fachbereich-1/Gruppe-1-6).

---

### 7. Internationaler Vergleich

2023 verzeichnete die EU 1,63 tödliche Arbeitsunfälle je 100.000 Beschäftigte. Deutschland lag bei weniger als einem Fall und damit in der europäischen Spitzengruppe. Besonders hoch waren die EU-Raten im Bergbau, Bau, in der Landwirtschaft und im Transport. [Eurostat](https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/SEPDF/cache/11539.pdf).

Der Vergleich ist nur eingeschränkt belastbar:

- Meldepflicht und Anerkennungsverfahren unterscheiden sich.
- Selbstständige und bestimmte Beschäftigtengruppen werden unterschiedlich erfasst.
- Verkehrsunfälle während der Arbeit können national verschieden zugeordnet werden.
- Berufskrankheitenlisten und Beweismaßstäbe sind nicht harmonisiert.

Die deutsche Position bei tödlichen Unfällen ist dennoch ein belastbarer Hinweis auf ein grundsätzlich leistungsfähiges Präventionssystem.

---

### 8. Ursachen

#### Physische Ursachen

- schwere Lasten, Zwangshaltungen und repetitive Bewegungen,
- bewegte Maschinen, Fahrzeuge, Absturz- und Stolpergefahren,
- Lärm, Staub, Gefahrstoffe und biologische Arbeitsstoffe,
- Hitze, UV-Strahlung, Kälte und Nässe,
- ungeeignete Bildschirm- und mobile Arbeitsplätze.

#### Organisatorische Ursachen

- Personalmangel und knappe Zeitvorgaben,
- unklare Zuständigkeiten und mangelhafte Koordination,
- lange Arbeitszeiten und unzureichende Ruhephasen,
- geringe Planbarkeit und geringer Handlungsspielraum,
- unvollständige Gefährdungsbeurteilungen,
- fehlende Umsetzung festgestellter Maßnahmen.

#### Institutionelle Ursachen

- verzögerte Kontrollen und begrenzte Aufsichtskapazitäten,
- komplexe Zuständigkeiten zwischen Ländern und Unfallversicherung,
- schwieriger Kausalitätsnachweis bei Langzeiterkrankungen,
- unvollständige Daten zu Präsentismus, Gewalt und neuen digitalen Belastungen,
- Investitionskosten heute, während ein Teil der Folgekosten später bei Kranken-, Renten- oder Unfallversicherung entsteht.

---

### 9. Staatliche und betriebliche Verantwortung

**Arbeitgeber** tragen die primäre Verantwortung für Gefährdungsbeurteilung, Schutzmaßnahmen, Unterweisung, Arbeitszeitgestaltung und Wirksamkeitskontrolle. § 5 ArbSchG schließt ausdrücklich Arbeitsabläufe, Arbeitszeit, Qualifikation und psychische Belastungen ein. [§ 5 Arbeitsschutzgesetz](https://www.gesetze-im-internet.de/arbschg/__5.html).

**Länder** sind vor allem für die staatliche Arbeitsschutzaufsicht zuständig.

**Bund** verantwortet gesetzliche Mindeststandards, Verordnungen, die Berufskrankheitenliste, bundesweites Monitoring und die rechtlichen Rahmenbedingungen der Unfallversicherung.

**Unfallversicherungsträger** beraten, kontrollieren im eigenen Zuständigkeitsbereich, betreiben Prävention und finanzieren Rehabilitation beziehungsweise Entschädigung anerkannter Versicherungsfälle.

**Betriebs- und Personalräte, Betriebsärzte und Fachkräfte für Arbeitssicherheit** sind zentrale betriebliche Kontroll- und Gestaltungspartner.

Politische Verantwortung entsteht insbesondere dort, wo bekannte Vollzugsdefizite, langfristige Gefahrstofffolgen oder systematische Datenlücken über Jahre fortbestehen.

---

### 10. Relevante Entscheidungen und Versäumnisse

Positiv:

- langfristiger Ausbau technischer Unfallprävention,
- gesetzliche Einbeziehung psychischer Belastungen,
- Arbeitsschutzkontrollgesetz,
- Erweiterung der Berufskrankheitenliste,
- Einführung der Mindestbesichtigungsquote,
- Ratifizierung des ILO-Übereinkommens gegen Gewalt und Belästigung.

Defizite:

- psychische Gefährdungsbeurteilungen wurden lange nicht konsequent umgesetzt,
- kleine Betriebe werden schwerer erreicht,
- frühere Asbestexpositionen wirken weiterhin nach,
- mobile und digital gesteuerte Arbeit entwickelte sich schneller als ihre betriebliche Regulierung,
- es fehlt ein integriertes Berichtssystem, das Exposition, Krankheit, Rehabilitation und Erwerbsaustritt verbindet.

---

### 11. Direkte Kosten

Eine vollständige nationale Rechnung der medizinischen Behandlung, Rehabilitation, Entgeltfortzahlung, Versicherungsleistungen, betrieblichen Prävention und Verwaltungskosten liegt nicht als einheitliche Gesamtsumme vor.

Die BAuA-Schätzungen von 134 beziehungsweise 227 Milliarden Euro sind keine direkten Haushaltsausgaben. Es handelt sich um modellierte Opportunitätsverluste:

- **134 Milliarden Euro:** ausgefallene Produktion auf Grundlage der Lohnkosten,
- **227 Milliarden Euro:** entgangene Bruttowertschöpfung.

Beide Größen beschreiben dieselben Ausfalltage aus verschiedenen Perspektiven und dürfen nicht addiert werden. [BAuA-Kostenrechnung 2024](https://www.baua.de/DE/Themen/Monitoring-Evaluation/Zahlen-Daten-Fakten/Kosten-der-Arbeitsunfaehigkeit).

---

### 12. Indirekte Schäden

- dauerhafte Erwerbsminderung und vorzeitiger Erwerbsaustritt,
- Einkommens- und Karriereverluste,
- zusätzliche Pflege- und Betreuungsarbeit in Familien,
- Wissensverlust und Fluktuation in Betrieben,
- sinkende Versorgungsqualität bei überlastetem Personal,
- höhere Belastung der verbleibenden Belegschaft,
- Rückzug aus besonders belastenden Berufen,
- geringere Produktivität durch Präsentismus,
- psychische und soziale Folgeschäden nach Gewalt oder schweren Unfällen.

---

### 13. Gewinner, Verlierer und Fehlanreize

**Verlierer** sind vor allem Erkrankte und ihre Familien, stark exponierte Berufsgruppen, kleine Betriebe ohne ausreichende Präventionsstrukturen sowie Beitrags- und Steuerzahlende, wenn vermeidbare Belastungen sozialisiert werden.

**Gewinner guter Prävention** sind Beschäftigte, Unternehmen, Sozialversicherungen und Volkswirtschaft. Prävention kann gleichzeitig Gesundheit, Personalbindung, Qualität und Produktivität verbessern.

Mögliche Fehlanreize:

- Investitionskosten fallen im Betrieb sofort an, vermiedene Langzeitkosten häufig erst Jahre später und teilweise außerhalb des Betriebs.
- Nicht gemeldete Beinaheunfälle erscheinen kurzfristig als gute Statistik.
- Beschäftigte können aus Sorge vor Nachteilen Krankheit, Überlastung oder Gewalt verschweigen.
- Eine reine Besichtigungsquote belohnt Zahl statt Qualität, wenn die Wirksamkeit der Kontrollen nicht mitgemessen wird.

---

### 14. Gegenargumente und Bewertung

**„Die historischen Unfalltiefstände zeigen, dass kein grundlegendes Problem besteht.“**  
Sie zeigen den Erfolg technischer und organisatorischer Prävention. Sie widerlegen aber weder Berufskrankheiten noch psychische, ergonomische oder klimatische Belastungen.

**„Hohe Fehlzeiten haben kaum mit Arbeit zu tun.“**  
Arbeitsunfähigkeit hat tatsächlich viele außerberufliche Ursachen. Arbeitsbedingungen können Krankheitsentstehung, Verlauf, Erholung und Rückkehr aber beeinflussen. Eine vollständige berufliche Zuschreibung der 881,5 Millionen Tage wäre unzulässig.

**„Mehr psychische Diagnosen beweisen steigende Arbeitsbelastung.“**  
Nicht allein. Diagnoseverhalten, Entstigmatisierung, private Belastungen und bessere Erfassung wirken ebenfalls. Aussagekräftiger ist die Kombination aus Diagnosedaten und gemessenen Arbeitsbedingungen.

**„Mehr Kontrollen verursachen nur Bürokratie.“**  
Ungezielte Dokumentationspflichten können ineffizient sein. Evidenzübersichten der BAuA sprechen jedoch dafür, dass Inspektionen Regelbefolgung verbessern und Verletzungen reduzieren können. [BAuA-Evidenz zu Aufsichtsinstrumenten](https://www.baua.de/DE/Angebote/Publikationen/Berichte/F2592).

**„Homeoffice ist gesundheitsschädlich.“**  
Nicht generell. Autonomie und wegfallende Pendelzeiten können entlasten. Risiken entstehen vor allem durch schlechte Ergonomie, Isolation, Entgrenzung und dauernde Erreichbarkeit.

---

### 15. Zentrale Datenlücken

1. Anteil der allgemeinen Fehlzeiten, der tatsächlich arbeitsbedingt oder arbeitsverstärkt ist.
2. Repräsentative Langzeitdaten zu Präsentismus.
3. Vergleichbare Länderkennzahlen zur Qualität und Wirkung von Kontrollen.
4. Dunkelfeld bei Mobbing, Gewalt und sexueller Belästigung.
5. Exposition und Unfallrisiko von Migranten, Subunternehmen und kurzfristig Beschäftigten unter Kontrolle von Beruf und Arbeitszeit.
6. Langzeitfolgen algorithmischer Leistungssteuerung und digitaler Überwachung.
7. Hitze- und UV-bedingte Erkrankungen nach Beruf und Region.
8. Qualität statt bloße Existenz von Gefährdungsbeurteilungen.
9. Vollständige Kostenrechnung über Betriebe und Sozialversicherungssysteme hinweg.
10. Zusammenhang zwischen Interventionen, Rehabilitation und dauerhaftem Erwerbsverbleib.

---

### 16. Reformoptionen

1. Kontrollen risikobasiert auf kleine Betriebe und Hochrisikobranchen konzentrieren.
2. Neben der Fünf-Prozent-Quote die Qualität und Wirkung von Besichtigungen messen.
3. Gefährdungsbeurteilungen vereinfachen, aber verbindlich auf Umsetzung prüfen.
4. Psychische Belastungen anhand konkreter Arbeitsmerkmale bewerten – nicht anhand individueller „Belastbarkeit“.
5. Verlässliche Personal- und Pausenmodelle in Pflege, Bildung, Logistik und weiteren Hochdruckbereichen.
6. Verstärkte Kontrolle von Arbeitszeit und Ruhezeiten.
7. Recht auf Nichterreichbarkeit betrieblich oder tariflich konkretisieren.
8. Hitze-, UV- und Extremwetterpläne in die Gefährdungsbeurteilung integrieren.
9. Mobile Arbeit mit ergonomischer Ausstattung und klaren Arbeitszeitregeln verbinden.
10. Schutz- und Meldesysteme gegen externe Gewalt, Mobbing und sexuelle Belästigung ausbauen.
11. Expositionsregister für Gefahrstoffe und langfristige Berufskrankheiten verbessern.
12. Medizinische, Versicherungs- und Aufsichtsdaten datenschutzkonform verknüpfen.
13. Beschäftigte und Betriebsvertretungen systematisch an der Maßnahmenentwicklung beteiligen.
14. Rehabilitation und betriebliche Wiedereingliederung früher einleiten und nach Wirkung evaluieren.

---

### 17. Umsetzungsbarrieren

- Personal- und Fachkräftemangel in Aufsicht und Betrieben,
- fehlende Arbeitsschutzkompetenz kleiner Arbeitgeber,
- schwierige Beweisführung bei Langzeit- und Mehrfachursachen,
- Sorge der Beschäftigten vor Stigmatisierung oder Arbeitsplatznachteilen,
- föderale und versicherungsrechtliche Datentrennung,
- kurzfristige Kostenorientierung,
- fehlende betriebliche Mitbestimmung,
- Widerstand gegen Arbeitszeit- und Leistungsvorgaben,
- Gefahr zusätzlicher Formulare ohne tatsächliche Veränderung der Arbeit.

---

### 18. Hauptquellen

- [BMAS/BAuA: Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit – Berichtsjahr 2024](https://www.baua.de/DE/Angebote/Publikationen/Berichte/Suga-2024.pdf?__blob=publicationFile&v=7)
- [DGUV: Arbeitsunfallgeschehen 2024](https://publikationen.dguv.de/widgets/pdf/download/article/5157)
- [DGUV: Arbeitsunfälle nach Bereich und Bundesland](https://www.dguv.de/de/zahlen-fakten/au-wu-geschehen/arbeitsunfaelle/index.jsp)
- [DGUV: Berufskrankheitengeschehen](https://www.dguv.de/de/zahlen-fakten/
… (Ansicht gekürzt; der gespeicherte Text ist vollständig)