Dossier BC
Wirtschaftliche Sicherheit, Außenhandel, strategische Abhängigkeiten und Lieferketten
Register: DE-1551 bis DE-1600
Datenstand: 24. August 2026
Evidenzlogik: F = unmittelbar belegter Fakt, M = modell-/definitionsabhängige Messung, I = aus Fakten abgeleitete Interpretation, U = nicht belastbar quantifizierbar.
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# Dossier BC – Wirtschaftliche Sicherheit, Außenhandel, strategische Abhängigkeiten und Lieferketten **Register:** DE-1551 bis DE-1600 **Datenstand:** 24. August 2026 **Evidenzlogik:** **F** = unmittelbar belegter Fakt, **M** = modell-/definitionsabhängige Messung, **I** = aus Fakten abgeleitete Interpretation, **U** = nicht belastbar quantifizierbar. ## 1. Kernbefund Deutschlands internationale Arbeitsteilung ist eine zentrale Wohlstandsquelle – und zugleich ein Risikoverstärker, wenn Absatzmärkte, Rohstoffe oder nicht ersetzbare Vorprodukte stark konzentriert sind. 2025 exportierte Deutschland Waren für **1.563,0 Milliarden Euro** und importierte Waren für **1.362,5 Milliarden Euro**. Der Exportüberschuss sank von 242,9 auf **200,5 Milliarden Euro**. China wurde mit 251,8 Milliarden Euro wieder größter Warenhandelspartner; die USA blieben wichtigstes Exportziel. [Destatis](https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/02/PD26_056_51.html) Die zwei zentralen Risikoseiten entwickelten sich gleichzeitig ungünstig: - Die deutschen Exporte in die USA sanken 2025 um **9,4 %**, nach China um **9,7 %**. - Die Importe aus China stiegen um **8,8 %** auf 170,6 Milliarden Euro. - Deutsche Exportmarktanteile sinken seit 2017; mehr als drei Viertel der Verluste 2021–2023 erklärt die Bundesbank mit einer verschlechterten Wettbewerbsposition bei Produkten. - Fast die Hälfte der Industrieunternehmen gab 2023 an, für die Produktion von chinesischen Vorleistungen abhängig zu sein. - 80 % dieser abhängigen Industrieunternehmen hielten eine Substitution für schwierig oder sehr schwierig. - Kritische Abhängigkeiten betreffen unter anderem Seltene Erden, Batterien, bestimmte Elektronikkomponenten, fortgeschrittene Halbleiter und pharmazeutische Wirkstoffe. **Gesamturteil:** Das Problem ist nicht „zu viel Außenhandel“ und auch nicht jedes Handelsdefizit. Das Problem sind schwer ersetzbare Knoten, fehlende Transparenz über vorgelagerte Lieferstufen, unzureichend eingepreiste geopolitische Risiken und eine noch nicht vollständig operationalisierte Wirtschaftssicherheitspolitik. ## 2. Definition und Abgrenzung **Wirtschaftliche Sicherheit** bedeutet hier die Fähigkeit, zentrale Wirtschafts- und Versorgungsfunktionen auch bei geopolitischen Konflikten, Exportbeschränkungen, Naturereignissen, Transportstörungen oder Ausfällen einzelner Lieferanten aufrechtzuerhalten. Eine Abhängigkeit ist besonders kritisch, wenn mehrere Merkmale zusammenkommen: 1. hoher Lieferanteil eines Landes oder Unternehmens, 2. geringe kurzfristige Substituierbarkeit, 3. essenzielle Bedeutung des Gutes, 4. lange Vorlaufzeit für alternative Kapazitäten, 5. geringe Lagerfähigkeit oder fehlende Reserven, 6. politisches Konflikt- oder Erpressungsrisiko, 7. große Folgeschäden trotz geringen Warenwerts. Nicht jede Importabhängigkeit ist ein Problem. Internationale Spezialisierung ist wirtschaftlich sinnvoll, solange Risiken angemessen bewertet, diversifiziert oder abgesichert werden. Nicht erneut registriert werden: - allgemeine industrielle Wettbewerbsfähigkeit: Dossier BB, - Energieimport- und Energiepreisprobleme: frühere Energiedossiers, - allgemeine Kapital- und Investitionsschwäche: Dossier BA, - allgemeine Verwaltungs- und Genehmigungslasten: Dossier AZ, - Cybersicherheit und physischer Schutz kritischer Infrastruktur: eigenständiges Folgedossier, - allgemeine Arzneimittelversorgung: nur die Lieferketten- und Abhängigkeitsdimension wird hier erfasst. ## 3. Zentrale Teilprobleme ### 3.1 Außenhandels- und Absatzrisiken 1. Deutschland weist mit Waren- und Dienstleistungsexporten von 42,1 % des BIP 2024 eine hohe außenwirtschaftliche Verflechtung auf. 2. Das reale Außenhandelsvolumen lag 2025 trotz nominaler Wertsteigerung weiterhin unter dem Niveau von 2019. 3. Deutsche Exportmarktanteile sinken seit 2017, besonders deutlich seit 2021. 4. Maschinenbau, Elektroindustrie, Chemie und weitere energieintensive Branchen trugen überproportional zum Marktanteilsverlust bei. 5. Das deutsche Exportportfolio ist stark auf Kraftfahrzeuge, Maschinen und andere Investitionsgüter ausgerichtet. 6. Die Nachfrage in wichtigen traditionellen Absatzfeldern entwickelte sich zeitweise unterdurchschnittlich. 7. Die USA sind wichtigstes Exportziel, wodurch Zoll- und handelspolitische Veränderungen besonders relevant werden. 8. China entwickelt sich in zentralen deutschen Exportbranchen gleichzeitig vom Absatzmarkt zum Wettbewerber. 9. Die EU bleibt der wichtigste stabilisierende Handelsraum, ist aber selbst von externen Rohstoffen und Technologien abhängig. ### 3.2 China und kritische Vorprodukte 10. China ist seit 2015 Deutschlands wichtigstes Importland. 11. 2025 stiegen die China-Importe bei gleichzeitig sinkenden deutschen Exporten deutlich. 12. Besonders bedeutend sind Datenverarbeitungsgeräte, elektrische und optische Produkte, elektrische Ausrüstungen und Maschinen. 13. Aggregierte Handelswerte unterschätzen Abhängigkeiten bei kleinen, aber unverzichtbaren Komponenten. 14. Viele Unternehmen beziehen chinesische Vorprodukte über deutsche oder europäische Zwischenhändler und haben keine direkte China-Importbeziehung. 15. Fast die Hälfte der Industrieunternehmen war laut Bundesbankumfrage auf chinesische Vorprodukte angewiesen. 16. Bei schwer ersetzbaren Vorprodukten hatten mehr als zwei Fünftel der betroffenen Unternehmen 2023 noch keine Minderungsmaßnahmen ergriffen. 17. Deutsche Direktinvestitionen und Unternehmensgewinne sind in einzelnen Branchen stark mit China verbunden. 18. Bei hoch entwickelten Mikroprozessoren und integrierten Schaltungen ist Taiwan ein weiterer geostrategischer Knoten. ### 3.3 Kritische Rohstoffe 19. Deutschland ist bei primären Metallrohstoffen nahezu vollständig importabhängig. 20. 55,4 % der 2025 direkt nach Deutschland importierten Seltenen Erden kamen aus China. 21. Bei einzelnen Stoffen ist die Konzentration deutlich höher: 97,3 % der EU-Importe von Lanthanverbindungen stammten 2025 aus China. 22. Verarbeitung in EU-Staaten kann die ursprüngliche Rohstoffherkunft statistisch verdecken. 23. Recycling trägt bei vielen kritischen Rohstoffen bislang nur begrenzt zur Bedarfsdeckung bei. 24. Neue Bergbau-, Verarbeitungs- und Recyclingprojekte benötigen lange Entwicklungs- und Genehmigungszeiten. 25. Der Rohstofffonds ist angelaufen, seine tatsächliche zusätzliche Versorgungswirkung aber noch nicht bewertbar. 26. Eine Förderung einzelner Projekte kann lediglich eine neue Unternehmens- oder Länderabhängigkeit erzeugen, wenn keine Portfolioanalyse erfolgt. ### 3.4 Arzneimittel und weitere essenzielle Güter 27. 2025 wurden dem BfArM 941 Arzneimittellieferengpässe gemeldet, darunter 193 bei versorgungskritisch eingestuften Wirkstoffen. 28. Ein Lieferengpass ist nicht automatisch ein tatsächlicher Versorgungsmangel; seit 2015 wurden 16 formale Versorgungsmangelsituationen bekannt gegeben. 29. Bei Antibiotika und weiteren Wirkstoffen bestehen hohe Abhängigkeiten von China beziehungsweise China und Indien. 30. Preisdruck bei Generika begünstigte die Verlagerung von Produktionskapazitäten aus Europa. 31. Lieferketten- und Produktionsdaten für Wirkstoffe sind weiterhin nicht vollständig transparent. ### 3.5 Transport- und Logistikrisiken 32. Deutschland ist auf funktionsfähige globale Seewege, Häfen, Kanäle, Schienen- und Straßenzubringer angewiesen. 33. Straße von Hormus, Rotes Meer, Suezkanal und Straße von Malakka sind geopolitisch sensible Nadelöhre. 34. Störungen erhöhen Transportzeiten, Versicherungsprämien und Lagerbedarf. 35. Die volkswirtschaftliche Exposition gegenüber dem Ausfall einzelner Häfen, Reedereien oder Umschlagpunkte ist nicht vollständig kartiert. 36. Just-in-time-Strukturen vermindern Lagerkosten, können aber die Störanfälligkeit erhöhen. ### 3.6 Staatliche Steuerungsdefizite 37. Eine eigenständige deutsche Wirtschaftssicherheitsstrategie befand sich im Sommer 2026 noch in Erarbeitung. 38. Zuständigkeiten verteilen sich auf zahlreiche Bundesressorts, EU-Institutionen, BAFA, BGR/DERA, BfArM, Länder und Unternehmen. 39. Ein öffentliches, fortlaufend aktualisiertes Lagebild kritischer Abhängigkeiten fehlt. 40. Staatliche Garantien können Diversifizierung erleichtern, aber auch unternehmerische Risiken auf den Staat übertragen. 41. Die Investitionsprüfung wächst stark: 2025 wurden 339 nationale Verfahren geführt. 42. Das deutsche Investitionsprüfungsrecht ist bislang auf mehrere Vorschriften in AWG und AWV verteilt. 43. Schwellenwerte und Fallgruppen schaffen Schutz, aber auch Abgrenzungs- und Transaktionskosten. 44. Die EU-weite Harmonisierung der Investitionsprüfung ist noch nicht vollständig umgesetzt. 45. Risiken aus ausgehenden Investitionen in Halbleiter, KI und Quanten werden erst systematisch erfasst. 46. Nationale Exportkontrolllisten können zwischen EU-Staaten auseinanderlaufen. 47. Zu weitreichende Kontrollen können Forschung, Investitionen und Handel beeinträchtigen. 48. „De-Risking“ besitzt noch keine einheitlichen, messbaren Ergebnisindikatoren. 49. Resilienzförderung kann in Protektionismus und dauerhaften Subventionsschutz übergehen. 50. Eine klare Aufteilung zwischen Unternehmensrisiko und staatlich abzusicherndem Systemrisiko fehlt teilweise. ## 4. Schlüsselkennzahlen | Kennzahl | Ergebnis | Einordnung | |---|---:|---| | Warenexporte 2025 | 1.563,0 Mrd. € | +0,9 % nominal | | Warenimporte 2025 | 1.362,5 Mrd. € | +4,3 % nominal | | Außenhandelsüberschuss 2025 | 200,5 Mrd. € | −42,4 Mrd. € gegenüber 2024 | | Exporte von Waren und Dienstleistungen 2024 | 42,1 % des BIP | hohe, aber nicht außergewöhnliche europäische Verflechtung | | Handel mit China 2025 | 251,8 Mrd. € | größter Warenhandelspartner | | Importe aus China | 170,6 Mrd. € | +8,8 % | | Exporte nach China | 81,3 Mrd. € | −9,7 % | | Bilateraler Importsaldo China | 89,3 Mrd. € | kein eigenständiger Schadensindikator | | Exporte in die USA | 146,2 Mrd. € | −9,4 % | | US-Exporte: Fahrzeuge und Teile | 28,5 Mrd. € | −17,8 % | | Außenhandelsüberschuss USA | 51,9 Mrd. € | 2024: 69,6 Mrd. € | | H1 2026: Exporte in EU-Staaten | 463,3 Mrd. € | +7,5 % zum Vorjahreszeitraum | | H1 2026: Exporte in USA | 74,4 Mrd. € | −5,8 % | | H1 2026: Exporte nach China | 36,6 Mrd. € | −12,3 % | | Unternehmen mit kritischen China-Vorleistungen 2023 | 29 % | alle Wirtschaftszweige | | Abhängige Industrieunternehmen | fast 50 % | direkte und indirekte Abhängigkeit | | Schwierige/sehr schwierige Substitution | 80 % | unter China-abhängigen Industrieunternehmen | | Umsatz besonders schwer exponierter Industrieunternehmen | knapp 25 % des Industrieumsatzes | Bundesbankumfrage 2023 | | Seltene-Erden-Importe 2025 | 5.500 t / 77,6 Mio. € | geringer Wert, hohe strategische Bedeutung | | China-Anteil an deutschen Seltene-Erden-Importen | 55,4 % | 2024: 65,4 % | | China-Anteil EU-Lanthanimporte | 97,3 % | extreme produktspezifische Konzentration | | Arzneimittellieferengpassmeldungen 2025 | 941 | 193 versorgungskritische Wirkstoffe | | Investitionsprüfungen 2025 | 339 | 259 sektorübergreifend, 80 sektorspezifisch | | Export- und Investitionsgarantien 2025 | 14,5 Mrd. € | abgesichertes Geschäftsvolumen, keine Ausgabe | | Investitionsgarantien 2025 | 1,2 Mrd. € | 60 genehmigte Anträge | Quellen: [Destatis Außenhandel 2025](https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/02/PD26_056_51.html), [Destatis Juni 2026](https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/08/PD26_278_51.html), [Bundesbank China-Vorprodukte](https://publikationen.bundesbank.de/caas/v1/media/915916/data/94203ec78c8940c8373fbc6a59457a5f), [Destatis Seltene Erden](https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/04/PD26_N023_51.html), [BfArM](https://www.bfarm.de/DE/Aktuelles/Themendossiers/Lieferengpaesse/_artikel.html), [BMWE Investitionsprüfung](https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Publikationen/Aussenwirtschaft/investitionsprufung-in-deutschland-zahlen-und-fakten.pdf?__blob=publicationFile&v=15). ## 5. Historische Entwicklung - **Seit den 1990er-Jahren:** starke Ausweitung internationaler Wertschöpfungsketten und Just-in-time-Produktion. - **2001:** Chinas WTO-Beitritt beschleunigte die industrielle Integration. - **Seit 2005:** Der deutsch-chinesische Handel wuchs zeitweise stärker als der Handel mit EU- und US-Partnern. - **Seit 2015:** China ist Deutschlands wichtigstes Importland. - **Seit 2017:** Rückgang der deutschen Exportmarktanteile. - **2020:** Chinesische Lieferunterbrechungen trugen laut Bundesbankmodell im April zu etwa einem Viertel des deutschen industriellen Produktionsrückgangs bei. - **2021–2022:** Pandemie, Halbleitermangel und Logistikstörungen offenbarten die Verwundbarkeit von Just-in-time-Ketten. - **2022:** Der russische Angriff auf die Ukraine demonstrierte das Risiko einseitiger Energieabhängigkeit. - **2023:** Verabschiedung der deutschen China-Strategie mit dem Leitbild „De-Risking, nicht Decoupling“. - **2024:** Inkrafttreten des EU Critical Raw Materials Act; Start des deutschen Rohstofffonds. - **2025:** Verschärfte internationale Handelskonflikte, stark sinkende deutsche Exporte in die USA und erneuter Anstieg der Importe aus China. - **2025:** Politische Einigung über ein stärker harmonisiertes EU-Investitionsscreening. - **2026:** Beginn der Erarbeitung einer eigenständigen deutschen Wirtschaftssicherheitsstrategie; Maßnahmen sollen überwiegend 2027–2029 umgesetzt werden. ## 6. Regionale Unterschiede Die außenwirtschaftliche Exposition verteilt sich ungleich: - Baden-Württemberg exportierte 2025 Waren im Wert von 241,4 Milliarden Euro. Die Ausfuhren in die USA sanken um 12,7 %; es war das dritte Rückgangsjahr in Folge. [Statistisches Landesamt Baden-Württemberg](https://www.statistik-bw.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung/exporte-im-jahr-2025-06-zum-vorjahr/) - Bayern exportierte 227,0 Milliarden Euro. Die Exporte in die USA sanken um 9,8 %, nach China um 10,8 %. China stellte 14,6 % der bayerischen Importe. [Bayerisches Landesamt für Statistik](https://www.statistik.bayern.de/presse/mitteilungen/2026/pm042/index.html) - Fahrzeug-, Maschinenbau-, Chemie-, Pharma- und Elektronikcluster sind besonders gegenüber Handels- und Vorleistungsschocks exponiert. - Hafenländer tragen besondere Risiken aus Seeverkehr, Umschlag und kritischer Hafeninfrastruktur. - Strukturschwache Regionen können durch den Ausfall eines einzelnen großen Exportbetriebs oder Zulieferers überproportional betroffen sein. Länderexportdaten messen den Warenursprung beziehungsweise Ausfuhrort, aber nicht vollständig, wo die tatsächlich erzeugte Wertschöpfung und Beschäftigung liegen. ## 7. Internationaler Vergleich Deutschland ist stark exportorientiert, aber nicht Europas exportabhängigste Volkswirtschaft: - Deutschland: 42,1 % des BIP, - Frankreich: 33,2 %, - Italien: 32,7 %, - Österreich: 56,9 %, - Polen: 52,3 %, - Niederlande: 84,1 %, - Tschechien: 69,2 %. Kleinere Volkswirtschaften weisen wegen ihres kleineren Binnenmarktes regelmäßig höhere Quoten auf. [Destatis/Weltbank-Vergleich](https://www.destatis.de/DE/Themen/Laender-Regionen/Internationales/Thema/Tabellen/Basistabelle_Exportquote.html) Der EU Critical Raw Materials Act setzt für 2030 folgende unionsweite Richtwerte: - 10 % des Verbrauchs strategischer Rohstoffe durch EU-Förderung, - 40 % durch EU-Verarbeitung, - 25 % durch Recycling, - höchstens 65 % der Versorgung eines strategischen Rohstoffs aus einem einzelnen Drittstaat. Diese Werte sind politische Resilienzziele, keine Garantie tatsächlicher Versorgungssicherheit. [EU-Kommission](https://single-market-economy.ec.europa.eu/sectors/raw-materials/areas-specific-interest/critical-raw-materials/critical-raw-materials-act_en) ## 8. Ursachen ### Unternehmensbezogen - Kostenoptimierung und Just-in-time-Produktion, - große Skalenvorteile einzelner Lieferanten, - langjährige Zertifizierung bestimmter Komponenten, - hohe Wechselkosten, - fehlende Transparenz jenseits direkter Zulieferer, - kurzfristige Renditeanreize gegenüber selten eintretenden Krisenrisiken, - lokalisierte Produktion für den chinesischen Absatzmarkt. ### Marktstrukturell - globale Konzentration von Rohstoffförderung und -verarbeitung, - Patente, Spezialwissen und Produktionsanlagen bei wenigen Anbietern, - geringe Rentabilität redundanter Kapazitäten in Normalzeiten, - niedrige Preise chinesischer Großproduktion, - Netz-, Plattform- und Clustereffekte. ### Staatlich und europäisch - lange Zeit geringe geopolitische Risikogewichtung, - fragmentierte Zuständigkeiten, - unvollständige Daten über Lieferstufen und Eigentümerstrukturen, - langsame Handelsabkommen und Genehmigungen, - unterschiedliche nationale Investitions- und Exportkontrollen, - fehlende gemeinsame europäische Beschaffung in einigen kritischen Bereichen. ### Geopolitisch - US-chinesische Systemkonkurrenz, - Exportbeschränkungen für Rohstoffe und Technologien, - Sanktions- und Gegensanktionsrisiken, - Taiwan-Konfliktrisiko, - Angriffe auf internationale Schifffahrt, - potenzielle Instrumentalisierung wirtschaftlicher Abhängigkeiten. ## 9. Staatliche und private Verantwortlichkeiten | Akteur | Verantwortung | |---|---| | Unternehmen | Lieferantenkenntnis, Stresstests, Mehrquellenstrategie, Lagerhaltung und angemessene Eigenvorsorge | | Bund/BMWE | nationale Wirtschaftssicherheitsstrategie, Investitionsprüfung, Garantien, Rohstoffpolitik, Koordination | | Auswärtiges Amt | geopolitische Lagebewertung, Partnerschaften und China-Politik | | BAFA | Exportkontrolle und Dual-Use-Genehmigungen | | BGR/DERA | Rohstoffmonitoring und geowissenschaftliche Grundlagen | | BMG/BfArM | Arzneimittellagebild, Frühwarnung und Versorgungspolitik | | Länder | Genehmigungen, Häfen, regionale Krisenvorsorge und Rohstoffprojekte | | EU | Handelspolitik, Freihandelsabkommen, FDI-Screening, Exportkontrollrahmen und CRMA | | Banken, Versicherer, Förderbanken | Finanzierung, Risikoprüfung und Absicherung | | Logistikunternehmen und Häfen | alternative Routen, Kapazitätsplanung und Notfallbetrieb | Der Staat sollte systemische Risiken absichern, aber nicht sämtliche privat eingegangenen Konzentrationsrisiken übernehmen. ## 10. Politische Entscheidungen und Programme ### Deutschland - China-Strategie 2023: De-Risking statt wirtschaftlicher Entkopplung. - Rohstofffonds seit 2024; geplante Aufstockung auf insgesamt 1,5 Milliarden Euro bis 2030. - 2026 bereits 150 Millionen Euro Eigenkapital für ein deutsches Lithiumprojekt und 50 Millionen Euro für ein australisches Seltene-Erden-Projekt. - Diversifizierungsanreize bei Investitionsgarantien. - Investitionsprüfung nach AWG und AWV; neues konsolidiertes Investitionsprüfungsgesetz angekündigt. - Nationale Wirtschaftssicherheitsstrategie im Aufbau. - ALBVVG und pharmazeutische Maßnahmen gegen Lieferengpässe. ### Europäische Union - EU Economic Security Strategy mit vier Risikofeldern: Lieferketten, kritische Infrastruktur, Technologieabfluss und wirtschaftlicher Zwang. - Critical Raw Materials Act. - Reform des FDI-Screenings mit gemeinsamen Mindeststandards. - Prüfung ausgehender Investitionen in Halbleitern, KI und Quantentechnologien. - EU-Dual-Use-Verordnung und Koordinierung nationaler Kontrolllisten. - vorgeschlagener Critical Medicines Act. - Anti-Coercion Instrument und handelspolitische Schutzinstrumente. **Bewertung:** Die Instrumente sind umfangreicher geworden. Noch fehlt jedoch eine integrierte deutsche Ziel- und Wirkungssteuerung. ## 11. Direkte Kosten Eine Gesamtsumme ist **nicht belastbar quantifizierbar**. Zu unterscheiden sind: - Der Rückgang des Exportüberschusses um 42,4 Milliarden Euro ist kein gleich hoher Wohlstandsverlust. - Export- und Investitionsgarantien über 14,5 Milliarden Euro sind abgesicherte Geschäftsvolumina, keine sofortigen Staatsausgaben. - Der auf 1,5 Milliarden Euro geplante Rohstofffonds ist eine öffentliche Investitions- beziehungsweise Risikoübernahme, nicht automatisch ein Verlust. - Zusätzliche Lager, zweite Li … (Ansicht gekürzt; der gespeicherte Text ist vollständig)