Dossier CB
Erstverarbeitungskapazitäten, Schlachthöfe, Molkereien, Mühlen und regionale Wertschöpfungsketten
Registerumfang: DE-2801 bis DE-2850
Gesamtstand: 2.850 erfasste Probleme in 56 Dossiers
Datenstand: überwiegend 2024/25; Rechtsstand August 2026
Bewertungslogik:
B = amtlich belegt · I = belastbare Schlussfolgerung aus mehreren Befunden · D = relevante Datenlücke · NQ = nicht belastbar quantifizierbar
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## Dossier CB – Erstverarbeitungskapazitäten, Schlachthöfe, Molkereien, Mühlen und regionale Wertschöpfungsketten **Registerumfang:** DE-2801 bis DE-2850 **Gesamtstand:** 2.850 erfasste Probleme in 56 Dossiers **Datenstand:** überwiegend 2024/25; Rechtsstand August 2026 **Bewertungslogik:** **B** = amtlich belegt · **I** = belastbare Schlussfolgerung aus mehreren Befunden · **D** = relevante Datenlücke · **NQ** = nicht belastbar quantifizierbar ### 1. Problemkern Deutschland erzeugt große Mengen Milch, Fleisch, Getreide, Ölsaaten und Zuckerrüben. Die tatsächliche Versorgung hängt jedoch davon ab, ob diese Rohstoffe rechtzeitig verarbeitet werden können. Rohmilch, Schlachttiere oder Zuckerrüben lassen sich nicht beliebig lagern; Getreide, Ölsaaten und Futtermittel benötigen jeweils spezialisierte Anlagen. Die amtlichen Daten zeigen gleichzeitig: - weniger Molkereien, Mühlen und Mischfutterwerke, - größere durchschnittliche Verarbeitungsmengen je Standort, - starke regionale Konzentrationen, - teilweise nur wenige technisch geeignete Ausweichbetriebe, - Abhängigkeiten von Strom, Wärme, Wasser, Abwasserbehandlung, Kühlung, Laboren und Nebenproduktverwertung. Das ist nicht automatisch eine akute Versorgungskrise. Große Anlagen können effizienter, hygienischer und ressourcenschonender arbeiten. **Problematisch ist vielmehr, dass Deutschland öffentlich nicht belastbar ausweisen kann, welche Kapazität bei Ausfall eines Standorts tatsächlich ersetzbar wäre.** ### 2. Abgrenzung und Doppelzählungskontrolle Erfasst werden hier die **physischen und technischen Erstverarbeitungsstufen**: - Milchaufnahme und Molkereiverarbeitung, - Schlachtung, Zerlegung und tierische Nebenprodukte, - Getreidevermahlung, - Mischfutterherstellung, - Ölsaatenverarbeitung und Raffination, - Zuckerrübenverarbeitung, - kleinere regionale Wasch-, Sortier-, Schäl-, Kühl-, Gefrier- und Verpackungskapazitäten. Nicht erneut bilanziert werden allgemeine Energiepreise, Straßenzustand, Transportkapazität, Marktmacht des Einzelhandels oder landwirtschaftliche Primärproduktion. Diese erscheinen nur, soweit sie die **Nutzbarkeit einer Verarbeitungsanlage** unmittelbar bestimmen. ### 3. Hauptproblemgruppen 1. **Unvollständiges Kapazitätsbild:** Zulassungs- und Betriebslisten enthalten Tätigkeiten und Adressen, aber regelmäßig keine verifizierte Tagesleistung, freie Reserve oder technische Umrüstbarkeit. 2. **Milchkonzentration:** 32,2 Millionen Tonnen Rohmilch wurden 2024 an 107 aufnehmende Molkereiunternehmen und 59 Sammelstellen geliefert; 137 Molkereien verarbeiteten 34,2 Millionen Tonnen. Nur noch 56 Unternehmen produzierten Konsummilch – acht weniger als 2021. [BLE-Strukturbericht](https://bmel-statistik.de/ernaehrung/strukturberichte) 3. **Schlachtkapazität und regionale Alternativen:** Das Umweltbundesamt erfasste 2022 nur 107 besonders große, unter die Industrieemissionsrichtlinie fallende Schlachtanlagen. Dies ist ausdrücklich keine Gesamtzahl aller Schlachtstätten. Das Bundeskartellamt grenzt regionale Schlachtmärkte anhand von 200 bis 300 Kilometern Fahrdistanz ab. [UBA](https://www.umweltbundesamt.de/themen/wirtschaft-konsum/industriebranchen/nahrungs-futtermittelindustrie-tierhaltungsanlagen/schlachtbetriebe-verwertung-tierischer), [Bundeskartellamt](https://www.bundeskartellamt.de/SharedDocs/Meldung/DE/Pressemitteilungen/2025/06_12_2025_Vion_Toennies.html) 4. **Mühlenkonzentration:** 2024/25 verarbeiteten 170 Mühlen rund 9,4 Millionen Tonnen Getreide. Die Zahl sank binnen eines Jahres um vier, während die durchschnittliche Jahresvermahlung von 53.190 auf 55.250 Tonnen stieg. [BLE-Strukturbericht](https://bmel-statistik.de/ernaehrung/strukturberichte) 5. **Mischfutterkonzentration:** 260 Betriebe produzierten 22,2 Millionen Tonnen Mischfutter. Auch hier sank die Betriebszahl um vier, während die Durchschnittsproduktion auf 85.496 Tonnen stieg. 6. **Ölsaatenkonzentration:** 2024 verarbeiteten 48 meldepflichtige Ölmühlen 13,4 Millionen Tonnen Ölsaaten. Sieben von insgesamt 106 erfassten Ölmühlen und Mischfutterbetrieben standen für 67,5 Prozent der Verarbeitungsmenge; der Norden vereinte rund 8,95 Millionen Tonnen. [BLE-Ölsaatenbericht](https://www.bmel-statistik.de/fileadmin/daten/0611030-2025.pdf) 7. **Zuckerstandorte:** Vor rund 50 Jahren gab es allein in Westdeutschland 56 Zuckerfabriken. Heute produzieren vier Unternehmen an 18 Standorten. Die EU insgesamt hatte 2023/24 noch 88 Zuckerfabriken. [BLE-Zuckerbericht](https://www.bmel-statistik.de/fileadmin/daten/0611050-2025.pdf) 8. **Nebenproduktengpässe:** 22 Unternehmen verarbeiteten 2020 rund drei Millionen Tonnen tierische Nebenprodukte. Ein Ausfall betrifft deshalb nicht nur Abfallentsorgung, sondern auch Schlachtkapazität, Tierseuchenhygiene, Biodiesel, Tierfutter und Düngemittel. 9. **Gemeinsame Infrastrukturabhängigkeiten:** Hygienevorgaben begrenzen die Möglichkeit, Wasserverbrauch und Reinigung beliebig zu reduzieren. Schlachtabwässer können chemische Sauerstoffbedarfswerte von über 10.000 mg/l erreichen und benötigen häufig betriebliche Vorbehandlung. 10. **Fehlende regionale Kleinserienkapazität:** Für Kartoffeln, Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte sowie regionale Gemeinschaftsverpflegung fehlt ein vergleichbar konsolidiertes öffentliches Bild der Wasch-, Schäl-, Schneide-, Kühl-, Gefrier- und Verpackungsanlagen. ### 4. Zentrale Kennzahlen | Teilbereich | Aktuellster belastbarer Befund | Einordnung | |---|---:|---| | Rohmilchanlieferung | 32,2 Mio. t an 107 Molkereiunternehmen und 59 Sammelstellen, 2024 | B | | Molkereiverarbeitung | 34,2 Mio. t in 137 Molkereien | B | | Konsummilch | 56 Unternehmen; −8 gegenüber 2021 | B | | Getreidemühlen | 170; 9,4 Mio. t Vermahlung, 2024/25 | B | | Durchschnitt je Mühle | 55.250 t; Vorjahr 53.190 t | B | | Mischfutterwerke | 260; 22,2 Mio. t | B | | Durchschnitt je Mischfutterbetrieb | 85.496 t; +4 % | B | | Große Schlachtanlagen | 107 Anlagen ≥50 t Tageskapazität, 2022 | B; keine Gesamtzahl | | Tierische Nebenprodukte | 22 Unternehmen; rund 3 Mio. t, 2020 | B | | Ölmühlen | 48 innerhalb der MVO-Meldegrenzen | B | | Ölsaatenverarbeitung | 13,409 Mio. t, 2024 | B | | Konzentration Ölsaaten | 7 von 106 Betrieben: 67,5 % der Menge | B | | Zuckerfabriken | 18 Standorte, vier Unternehmen | B | | KRITIS-Schwelle Lebensmittel | 434.500 t/Jahr | B | Die KRITIS-Schwelle entspricht rechnerisch der Versorgung von 500.000 Menschen. **Schlussfolgerung:** Ein Betrieb kann für eine einzelne Region, Tierart oder Produktgruppe unverzichtbar sein, ohne den bundesweiten KRITIS-Schwellenwert zu erreichen. [BSI-Kritisverordnung](https://www.gesetze-im-internet.de/bsi-kritisv/anhang_3.html) ### 5. Historische Entwicklung - Die Molkereistruktur wird nur alle drei Jahre vollständig berichtet. Zwischen 2021 und 2024 sank die Zahl aufnehmender Molkereien und Sammelstellen weiter. - Mühlen und Mischfutterbetriebe werden weniger, während ihre durchschnittliche Leistung steigt. - Kommunale und lokale Schlachthöfe wurden über Jahrzehnte durch größere, spezialisierte Anlagen ersetzt. - Die Zuckerstruktur wurde durch EU-Marktreformen, Werksschließungen und das Ende der Quote 2017 grundlegend verdichtet. - Bei Ölsaaten nennt die BLE Übernahmen und Fusionen ausdrücklich als Ursache der starken Konzentration. - Technische Effizienz stieg vielfach: Der spezifische Energiebedarf der Zuckerindustrie sank zwischen 1990 und 2022 nach Branchenangaben um 49 Prozent. Effizienzgewinn und Resilienzverlust können daher gleichzeitig auftreten. ### 6. Regionale Unterschiede - Je etwa ein Drittel der deutschen Schweine wurde 2024 in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen geschlachtet. - Niedersachsen stand für 59 Prozent des deutschen Geflügelschlachtgewichts. - Bei Rind- und Kalbfleisch entfielen zusammen rund 80,8 Prozent auf Bayern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. - Von den 13,24 Millionen Tonnen Ölsaaten, die 2024 in den erfassten Ölmühlen verarbeitet wurden, entfielen rund 8,95 Millionen Tonnen beziehungsweise 67,6 Prozent auf die Region Nord. - Die räumliche Bedeutung eines Schlachthofs reicht nach der Marktabgrenzung des Bundeskartellamts typischerweise 200 bis 300 Straßenkilometer. - Das Landwirtschaftsministerium bestätigte 2023, dass besonders kleinere und lokale Schlachtbetriebe seit Jahren abnehmen und nahe Alternativen für kleinere Tierhalter schwieriger erreichbar werden. [BMLEH](https://www.bmel.de/goto?id=100600) ### 7. Internationaler Vergleich Deutschland ist kein kleiner Randmarkt: - 2024 lieferte es mit 32,2 Millionen Tonnen rund 22 Prozent der EU-Kuhmilch und war größter EU-Produzent. [Destatis](https://www.destatis.de/Europa/DE/Thema/Land-Forstwirtschaft-Fischerei/Milchquote.html) - Deutschland produzierte 2024 rund 20 Prozent des EU-Schweinefleischs und 15 Prozent des EU-Rindfleischs. [BLE-Fleischbericht](https://www.bmel-statistik.de/fileadmin/daten/0611090-2025.pdf) - Von den 88 EU-Zuckerfabriken lagen 18 in Deutschland. - Deutschland importierte 2024 rund 3,14 Millionen Tonnen Fleisch und exportierte 4,31 Millionen Tonnen. Außenhandel bietet Ausweichmöglichkeiten, setzt aber intakte Nachbarländer, Grenzlogistik, Veterinärzertifikate und kompatible Verarbeitungsstandards voraus. - Bei einem nationalen Anlagenausfall können Nachbarländer teilweise helfen. Bei einer europaweiten Tierseuche, Energie- oder Transportkrise konkurrieren sie jedoch um dieselben Reserven. ### 8. Ursachen - hohe Fixkosten und Skalenvorteile, - sinkende oder schwankende Rohstoffmengen, - hohe Hygiene-, Tierwohl-, Umwelt- und Dokumentationsanforderungen, - schwierige Standort- und Erweiterungsgenehmigungen, - spezialisierte Produktionslinien, - vertikale Integration, - Nachfolgeprobleme kleiner Betriebe, - Preisdruck und geringe Auslastung kleiner Anlagen, - fehlende langfristige Abnahmegarantien, - Unternehmensfusionen und Standortbereinigung, - Konzentration von Tierhaltung und Rohstoffproduktion, - unzureichende öffentliche Resilienzplanung unterhalb der KRITIS-Schwellen. ### 9. Staatliche Verantwortlichkeiten - **EU:** Hygiene-, Tiergesundheits-, Wettbewerbs- und Industrieemissionsrecht. - **Bund/BMLEH/BLE:** Marktstatistik, Versorgungslage, Ernährungsvorsorge und Datenkoordination. - **Bundeskartellamt:** Verhinderung wettbewerblich schädlicher regionaler Konzentration. - **BVL:** Koordination der Lebensmittel- und Futtermittelüberwachung sowie Zulassungsdaten. - **BSI/Bundesinnenressort:** Schutz kritischer Anlagen und IT-Systeme. - **Länder und Veterinärbehörden:** Zulassung, Lebensmittelkontrollen, Tierseuchenmaßnahmen und Krisenvollzug. - **Umwelt- und Wasserbehörden:** Genehmigungen, Abwasser, Emissionen und Wasserentnahme. - **Kommunen:** Bauleitplanung, Gewerbeflächen, Wasser, Abwasser, Brandschutz und regionale Wirtschaftsförderung. - **Unternehmen:** HACCP, Wartung, Rückverfolgbarkeit, Notfallbetrieb, Personal- und Ersatzteilvorsorge. Das Ernährungssicherstellungs- und -vorsorgegesetz erlaubt den Behörden, in einer Versorgungskrise Bestands- und Produktionsdaten von Ernährungsunternehmen zu verlangen. Es ersetzt aber kein regelmäßig gepflegtes, vorausschauendes Kapazitätsmodell. [ESVG §15](https://www.gesetze-im-internet.de/esvg/__15.html) ### 10. Relevante politische Entscheidungen - EU-Milchquotenende 2015. - EU-Zuckermarktreform und Werksschließungen ab 2006/08; Quotenende 2017. - EU-Hygieneverordnungen 852/2004 und 853/2004 mit HACCP- und Zulassungspflichten. - Erweiterung der Hof- und mobilen Schlachtung seit 2021. - Förderung mobiler Schlachtmethoden seit 2023. - KRITIS-Schwelle von 434.500 Tonnen jährlich für Lebensmittelanlagen. - BVT-Schlussfolgerungen 2019 für Lebensmittel-, Getränke- und Milchindustrie sowie 2023 für Schlachthöfe und Nebenprodukte. - Untersagung der Übernahme mehrerer Vion-Schlachthöfe durch Tönnies im Juni 2025; der Beschluss war bei Veröffentlichung noch nicht bestandskräftig. - Vorübergehend erlaubte Kapazitätskooperation der vier Zuckerunternehmen während der Gasmangellage 2022. ### 11. Direkte Kosten Eine bundesweite Summe ist **nicht belastbar quantifizierbar**. Direkte Kosten entstehen durch: - verdorbene oder nicht abnehmbare Rohmilch, - zusätzliche Tierhaltung, Umstallung oder Notschlachtung, - längere Transporte zu Ersatzanlagen, - Produktionsstillstand und Vertragsstrafen, - Desinfektion und Dekontamination, - Produktvernichtung und Rückrufe, - Notstrom, Ersatzbrennstoffe und mobile Kälte, - zusätzliche Abwasser- oder Nebenproduktentsorgung, - Wiederanlauf, Laborfreigaben und Auditierung, - Notimporte oder Umleitung von Exportmengen. ### 12. Indirekte und langfristige Kosten - Verlust regionaler Tierhaltung oder bestimmter Kulturen, wenn der letzte Abnehmer schließt, - geringere Verhandlungsmacht der Erzeuger, - Wegfall regionaler Arbeitsplätze und Gewerbesteuern, - höhere Tiertransportbelastung, - Verlust handwerklicher Fähigkeiten und Betriebsnachfolge, - weniger Produktvielfalt und regionale Marken, - stärkere Abhängigkeit von einzelnen IT-, Anlagenbau- und Ersatzteillieferanten, - höhere Krisenanfälligkeit von Gemeinschaftsverpflegung und Lebensmittelhilfe, - Umweltkosten längerer Transportwege, - erschwerter Aufbau regionaler Bio- und Tierwohlketten. ### 13. Gewinner, Verlierer und Anreize **Kurzfristige Gewinner:** - große, gut ausgelastete Verarbeiter, - automatisierte Standorte mit Skalenvorteilen, - Logistikunternehmen bei wachsenden Einzugsgebieten, - Unternehmen, die ausfallende Wettbewerber übernehmen können. **Mögliche Verlierer:** - kleinere und abgelegene Erzeuger, - Direktvermarkter und Tierwohlprogramme mit kleinen Partien, - Kommunen nach Standortschließungen, - Beschäftigte und Zulieferer geschlossener Werke, - Verbraucher bei regionalen Engpässen oder geringerer Vielfalt. **Fehlanreiz:** Einzelbetriebliche Kostensenkung durch maximale Auslastung kann volkswirtschaftlich notwendige Reservekapazität abbauen. Umgekehrt wäre dauerhaft subventionierte, ungenutzte Überkapazität teuer. Resilienz muss daher gezielt, regional und produktbezogen beschafft werden. ### 14. Gegenargumente und Bewertung - **„Große Anlagen sind effizienter.“** Richtig. Das UBA bestätigt mögliche Ressourcen- und Effizienzvorteile. Effizienz beantwortet aber nicht, ob ein Ausfall ersetzbar ist. - **„Deutschland kann importieren.“** Teilweise richtig. Bei lokalen Ausfällen können Importe helfen; bei europäischen Krisen oder Veterinärrestriktionen ist dies unsicher. - **„Es gibt Tausende zugelassene Betriebe.“** Zulassungen messen keine Kapazität oder Eignung für bestimmte Produkte. - **„Sinkende Tierzahlen rechtfertigen weniger Schlachthöfe.“** Teilweise richtig. Problematisch wird der Abbau erst, wenn regionale Alternativen oder tierartspezifische Kapazitäten fehlen. - **„Kleine Betriebe sind wirtschaftlich und hygienisch schwieriger.“** Häufig richtig. Das EU-Recht enthält aber ausdrücklich Ermessensspielräume für handwerkliche Kleinstbetriebe. - **„Konzentration bedeutet nicht automatisch Marktmacht.“** Richtig. Das Bundeskartellamt stellte beispielsweise bei der Uckermärker-Molkerei ausreichende Alternativen fest. Risiken müssen produkt- und regionsbezogen geprüft werden. [Bundeskartellamt](https://www.bundeskartellamt.de/SharedDocs/Meldung/DE/Pressemitteilungen/2025/02_24_2025_Edeka.html) ### 15. Datenlücken Besonders fehlen: - installierte und tatsächlich nutzbare Tageskapazität, - durchschnittliche und maximale Auslastung, - technisch realistische Umstellzeiten, - freie Kapazität nach Tierart und Produkt, - regionale Erreichbarkeit in Fahrzeit, - Notstrom- und Brennstoffautonomie, - Wasser- und Abwasserreserve, - kritische Ersatzteile und Lieferzeiten, - Labor- und Veterinärkapazität, - vertragliche Notabnahmevereinbarungen, - Nebenprodukt- und Tierkörperbeseitigungsreserve, - Kleinserienkapazität für Bio-, Tierwohl- und Spezialprodukte, - Verarbeitungskapazitäten für Kartoffeln, Gemüse, Obst und Hülsenfrüchte. Die Marktordnungswaren-Meldeverordnung erfasst Mühlen, Mischfutterbetriebe und Ölmühlen regelmäßig erst ab 1.000 Tonnen Jahresmenge. Kleinere Anlagen bleiben damit in diesen Strukturzahlen teilweise unsichtbar. [Marktordnungswaren-Meldeverordnung](https://www.gesetze-im-internet.de/marktowmeldv/BJNR228600999.html) ### 16. Reformoptionen 1. Vertrauliches nationales Kapazitäts- und Resilienzregister bei der BLE. 2. Trennung von theoretischer, zugelassener, technisch nutzbarer und kurzfristig freier Kapazität. 3. Regionale Erreichbarkeitsanalysen nach Tierart und Produkt. 4. Jährliche Stresstests für Ausfälle bedeutender Standorte. 5. Gegenseitige Notabnahmevereinbarungen zwischen kompatiblen Betrieben. 6. Nebenprodukt- und Tierkörperbeseitigungsplanung als Teil jeder Schlachtplanung. 7. Förderung mobiler und teilmobiler Schlachtung, wo ausreichende Nachfrage besteht. 8. Regionale Wasch-, Schäl-, Schneide-, Kühl-, Gefrier- und Verpackungszentren. 9. Genossenschaftliche oder kommunal-private Betreibermodelle für Kleinserien. 10. Standardisierte Zulassungsleitfäden für kleine und mobile Anlagen. 11. Finanzierung resilienter Wasser-, Abwasser-, Kälte- und Energieversorgung. 12. Mehrbrennstofffähigkeit und sichere Inselbetriebsoptionen bei geeigneten Großanlagen. 13. Ersatzteil- und Steuerungstechnikvorsorge. 14. Fachkräfte-, Ausbildung- und Nachfolgeprogramme für spezialisierte Verfahren. 15. Langfristige Abnahmeverträge durch Kliniken, Schulen und öffentliche Küchen. 16. Wettbewerbskontrolle mit regionaler Kapazitäts- und Ausweichanalyse. 17. Aggregierte öffentliche Resilienzkennzahlen bei Schutz von Geschäftsgeheimnissen. 18. Grenzüberschreitende Notfallvereinbarungen mit Nachbarstaaten. 19. Gemeinsame Seuchen-, Kontaminations- und Wiederanlaufübungen. 20. Zeitlich befristete und wettbewerblich kontrollierte Kapazitätskooperationen in nachgewiesenen Krisen. ### 17. Umsetzungsbarrieren - Geschäfts- und Sicherheitsgeheimnisse, - uneinheitliche Datenbestände von Bund und Ländern, - geringe Rentabilität von Reservekapazität, - Fachkräfte- und Nachfolgeprobleme, - lange Bau-, Wasser- und Immissionsschutzverfahren, - kommunale Widerstände gegen Geruch, Verkehr und Lärm, - Konflikt zwischen Wettbewerb und Krisenkooperation, - Gefahr dauerhafter Subventionsabhängigkeit, - geringe Auslastung kleiner Spezialanlagen, - fehlende langfristige Abnahmegarantien, - unterschiedliche Hygiene- und Genehmigungspraxis der Länder. ### 18. Vollständige Kernquellen 1. [BLE – Strukturberichte Mühlen, Mischfutter und Molkereien](https://bmel-statistik.de/ernaehrung/strukturberichte) 2. [BLE – Markt- und Versorgungslage Fleisch 2025](https://www.bmel-statistik.de/fileadmin/daten/0611090-2025.pdf) 3. [BLE – Markt- und Versorgungslage Ölsaaten, Öle und Fette 2025](https://www.bmel-statistik.de/fileadmin/daten/0611030-2025.pdf) 4. [BLE – Markt- und Versorgungslage Zucker 2025](https://www.bmel-statistik.de/fileadmin/daten/0611050-2025.pdf) 5. [UBA – Schlachtbetriebe und tierische Nebenprodukte](https://www.umweltbundesamt.de/themen/wirtschaft-konsum/industriebranchen/nahrungs-futtermittelindustrie-tierhaltungsanlagen/schlachtbetriebe-verwertung-tierischer) 6. [BVL – Datenbank zugelassener Lebensmittelbetriebe](https://www.bvl.bund.de/DE/Arbeitsbereiche/01_Lebensmittel/01_Aufgaben/05_GrenzueberschreitenderHandel/lm_grenzueberschrHandel_basepage.html) 7. [Bundeskartellamt – Vion/Tönnies, Juni 2025](https://www.bundeskartellamt.de/SharedDocs/Meldung/DE/Pressemitteilungen/2025/06_12_2025_Vion_Toennies.html) 8. [Bundeskartellamt – Uckermärker/Edeka, Februar 2025](https://www.bundeskartellamt.de/SharedDocs/Meldung/DE/Pressemitteilungen/2025/02_24_2025_Edeka.html) 9. [BMLEH – Förderung mobiler Schlachtung](https://www.bmel.de/goto?id=100600) 10. [BMLEH – Lebensmittelhygiene und Kleinstschlachtbetriebe](https://www.bmel.de/DE/themen/verbraucherschutz/lebensmittel-hygiene/lebensmittelhygiene-im-handel.html) 11. [EU-Verordnung 852/2004 – HACCP und Lebensmittelhygiene](https://eur-lex.euro … (Ansicht gekürzt; der gespeicherte Text ist vollständig)